Gegen die vorschnelle Einmottung des
Mythos wendet sich der Gießener Religionsphilosoph Linus Hauser
in einem "gelehrten Wälzer von gut 500 Seiten", den
Rezensent Eckhard Nordhofen mit einigem Bedauern zugeklappt hat.
Fasziniert haben ihn die "oft ins Bizarre und Obskurantistische
spielenden" Beispiele, mit denen der Autor seine These belegt,
wonach der Mythos keineswegs ein Relikt längst vergangener Tage
ist. Der vorliegende erste Band (von drei geplanten) stellt die
"religionsförmigen Neomythen des 19. und frühen 20.
Jahrhunderts" ins Zentrum. So taucht neomythisches Denken nicht
nur bei neureligiösen Gruppen wie etwa Scientology auf, sondern
auch bei prominenten Nobelpreisträgern, Computerwissenschaftlern
oder Raumfahrern. Ein kurioses und sehr unterhaltsames Panorama
breitet Hauser hierbei aus, erklärt unser Rezensent. Aber das
Werk sei mehr als ein bloßes Kuriositätenkabinett:
"Hausers Arbeit stellt einen der bedeutendsten
religionswissenschaftlichen Beiträge der nachmarxistischen Ära
dar." Der Kritiker ist schon gespannt auf die beiden folgenden
Bände.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.07.2004
Rezensent Helmut Zander sieht Linus Hausers Buch auf tönernen Füßen stehen. Dabei analysiere Hauser durchaus anregend die im 19. Jahrhundert neu entstandenen Mythen, in denen sich metaphysische Selbstvergottung und wissenschaftliche Machbarkeitsphantasie vereinten. Nur -so bedauert der Rezensent - bewege sich Hauser trotz enormer Materialfülle "in keinem seiner Felder sicher auf dem Stand der Forschung". Am Beispiel der These, dass Adolf Hitlers Denken hauptsächlich der Theosophie entstamme, macht Zander dies deutlich: So sind - seiner Ansicht nach - Hausers Hauptquellen als "unzuverlässig" und "Teilfälschung" bekannt oder auch schlichtweg nicht angemessen "ausgeschöpft" worden. Für die beiden in Aussicht gestellten Folgebände wünscht der Rezensent dem Autor für seine interessante Kulturkritik ein solideres Fundament.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2004
Dieser erste von drei geplanten Bänden, in denen Linus Hauser die "Entwicklung vom menschenerschaffenden über den menschengeschaffenen bis hin zum menschlichen Gott" zu untersuchen und darzustellen beabsichtigt, widme sich vor allem der Ausbildung eines begrifflichen Rahmens und einer philosophie- und religionsgeschichtlichen Fundierung, berichtet Stefan Breuer in seiner recht akademischen Rezension. Der Leitfaden des Buches sei, dass die im Zuge der Aufklärung und des Erfolges der Naturwissenschaft raumgreifende Idee der "Machbarkeit" auf die Religiosität übergreife und damit zur "Idee der Machbarkeit von Religionen und Gottesbildern" und schließlich von Gott führe, so Breuer, der Hausers Unternehmen im Umfeld der "Dialektik der Aufklärung" verortet. Anhand seines Konzeptes der "Neomythen", das "eine Art Hineinnahme des wissenschaftlichen Standpunktes in das Feld des mythischen und religiösen Denkens" bezeichnet, analysiere der Autor unter anderem den Mesmerismus und Spiritismus des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Hausers Konzeption erschließe dergleichen Phänomene - wie auch die "völkischen und rassistischen Theoreme" des Nationalsozialismus - nicht länger als bloßen "Rückfall in archaisches Denken", sondern als "'empiristische' Religiosität", die mit dem modernen Wissenschaftsglauben verbunden sei, würdigt Breuer. Als einziges Manko dieses "ungemein reichhaltigen und anregenden" Buches kritisiert der Rezensent eine unglückliche Gewichtung der empirischen Untersuchungen, die dem "philosophischen und literarischen Mainstream" der in den Blick genommenen Zeit zu wenig Raum gewähre.
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