Lena Kugler

Wie viele Züge

Roman
Cover: Wie viele Züge
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783596149926
Taschenbuch, 122 Seiten, 12,27 EUR

Klappentext

Jula ist Studentin, lernt Russisch, lebt in einem heruntergekommenen Wohnheim irgendwo auf der verschneiten Krim. Sie lernt Ilya kennen, einen alten, verbitterten Sowjetmaler, und seinen Enkel Venja, der sich erfolgreich an zwielichtigen Geschäften beteiligt. "Die Geschichte fängt bei den Menschen an ", hat Jula gelernt, und sie macht sich auf die Suche nach der blauen Villa mit dem Weinberg, dem Familienbesitz, von dem ihr verstorbener jüdischer Vater ein Leben lang erzählt hatte. Sie folgt seinen vielen Erzählungen, seiner Spur ins Ungewisse der eigenen Geschichte. Doch je mehr sie herausfindet, desto weniger weiß sie. Julas Versuch, die undurchschaubare Vergangenheit zu erforschen, führt sie nur zu immer neuen Geschichten und zum Ursprung der Lebenslüge ihrer Familie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.07.2002

Ziemlich ungnädig außert sich Gisa Funck über Lena Kuglers Vatersuche auf der Krim. Zu auffällig ringt ihr die junge Autorin um eine originelle Ausdrucksweise, zu sehr bemüht sie sich um Besonderheiten, moniert die Rezensentin, so dass aus dem "Trampen" schließlich ein "die Farben der vorbeifahrenden Autos mit dem Daumen aufspießen" wird. Vor allem aber krankt der Roman an der Gewichtung, meint die Rezensentin. Seitenlang räsonniere die Autorin über die Banalitäten des studentischen Lebens auf der Krim, während die Geschichte, die wirklich etwas hergäbe, die Geschichte des Vaters nämlich - er war Rotarmist, Mathegenie, Atomphysiker und Geheimnisträger -, viel zu kurz komme. Funcks Fazit: "Kugler wird ihrem großem Thema vor lauter Plänkelei nicht gerecht."
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.08.2001

Originell und lesenswert findet Meike Breitkreut diesen Debütroman immer dann, wenn die junge Autorin ihre Leser mit Bildern überrascht und irritiert, ohne dabei gleich ins Imaginäre abzustürzen - Momente, da die Sprache den "vordergündig schlichten, naiven Erzählton" durchbricht, um hinter die Dinge blicken zu lassen. Was auf diese Weise vermittelt wird, ist die Identitätssuche einer jungen Frau, die an ihrem jüdischen Erbe leidet. Weniger gelungen in diesem "biografischen Puzzlespiel" ist laut Breitkreut der Versuch, mittels verschiedener Erzählebenen ein Vaterbild zu rekonstruieren. Historische Tiefe erreiche Kugler nicht. Der Lebenslauf des Vaters bleibe abstrakt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.03.2001

Gelungen findet die Rezensentin Monika Schattendorfer diesen Roman einer 26-jährigen Berlinerin, die den Versuchen einer Frau nachspürt, ihre deutsch-jüdische Familiengeschichte zu entwirren. Gelungen vor allem deshalb, weil er sich den üblichen Kategorien "Kinder der Opfer, Kinder der Täter" entzieht. So nennt sie den Roman "ein mutiges und beherztes Unterfangen". Lena, die Protagonistin, wurde durch den "familiären Schweigekompromiss über Jüdisches und Deutsches" außen vor gehalten und begibt sich nun auf Vater-Spurensuche. Die hat aber vor allem zum Ergebnis, dass es eine durch Fakten abgesicherte Wahrheit sowieso nicht geben kann, so die Interpretation von Schattendorfer.
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