Kurt Drawert

Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte

Roman
Cover: Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte
C. H. Beck Verlag, München 2008
ISBN 9783406576881
Gebunden, 317 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

"Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte" ist der erste umfangreiche Roman des vor allem als Lyriker und Essayisten bekanntgewordenen Autors. In Anverwandlung an den spektakulären Kriminalfall des Kaspar Hauser im 19. Jahrhundert nimmt Kurt Drawerts Roman das Motiv des verwahrlosten Findlings auf, um vom Untergang der DDR und dem Übergang in eine neue Zeit zu erzählen. Dieser verunstaltete "Kaspar der Revolution" erinnert sich, so ernst wie komisch, so realistisch wie surreal, an sein Leben als bestürzende Höllenfahrt durch die neun "Schuldbezirke" der "Deutschen D. Republik". Er ist ein Zeuge jener Nichtwelt unter der Erde, in der sich die Proletarier aller Länder einst im Sumpf vereinigt haben. In seinen Merk- und Beobachtungsheften notiert dieser "ostdeutsche Erdling" die Zeit in der Zelle mit Holzpferd und Abfallkübel bis er Titelaufschreiber, Magazinläufer und Nachtwächter in der "Nationalen Bücheranstalt" wird, ehe er nach dem Ende der Höhlenrepublik an die Grenze zum feindlichen Ausland nach oben gelangt...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2009

Dieses Buch ist eine Droge, warnt uns Pia Reinacher. Die Überreiztheit und Sperrigkeit des mit "autobiografischen Einsprengseln" versehenen Romans von Kurt Drawert, die den Leser, wie es heißt, oft an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit führt, deutet Reinacher als Folge eines ungeheuren Grolls, angestaut über Jahre, auf die verordnete Sprachlosigkeit im Untertanenstaat DDR. So kraftvoll ihr das Buch erscheint, so ausdauernd weist Reinacher auf die Anforderungen hin, die dieser dicht gedrängte, kaum strukturierte, oft hermetische Assoziationsfluss an den Leser stellt. Zu einem ambivalenten Erlebnis wird der extreme Text für Reinacher vor allem durch die ausgeprägte Musikalität des Lyrikers Drawert. Derart präzise erscheint die Spracharbeit des Autors, dass es schon wieder unheimlich ist, weil der Autor noch die finstersten Seelenwinkel seiner Figuren auszuleuchten imstande ist, wie Reinacher erklärt. Die Hauptfigur, der Drawert die Aufgabe auferlegt, die DDR im "Disput um die Wahrheit" mnemotechnisch zu beglaubigen, erscheint der Rezensentin als moderner Kaspar Hauser. In ihrer vernichtenden Diagnose gelangt für Reinacher schließlich nicht die DDR selbst zum Erinnerungsbild, sondern die Essenz ihres Terrors. Drawerts "dämonische Hass-Vision" ruft bei ihr Bilder von Bosch und Bruegel auf, lässt aber auch literarische Bezüge erkennen. Der unbändigen parabolischen Analyse der DDR und der Obdachlosigkeit ihrer Bürger kann sich Reinacher nicht entziehen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.01.2009

Ein wichtiges Buch, findet Maike Albath. Die DDR einmal nicht im putzigen Retro-Look dargestellt zu sehen, sondern in all ihrer Schrecklichkeit, ist ihr die Tortur wert, die Kurt Drawert sie und seinen Erzähler nachempfinden lässt. Die literarischen Folien dieses "Romans der Notwehr", Dantes "Göttliche Komödie" und die Kaspar-Hauser-Geschichte, hat Albath rasch ausgemacht. Für die Darstellung eines unmenschlichen Systems erscheinen sie ihr plausibel, und Drawerts klumpfüßiger, stammelnder Erzähler passt für sie gut ins Bild. Als Versuch einer (Wieder-)Aneignung biografischer Stationen des Autors (Kindheit, Volkserziehung, Armee) durch Übersteigerung ins Monströse geht der Text laut Albath auf. Auf sprachlicher Ebene, erklärt die Rezensentin, läuft der Text allerdings Gefahr, ästhetisch leerzulaufen. Drawerts Wunsch, auch den Beschädigungen durch die Sprachmechanismen der DDR nachzuspüren, in allen Ehren.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.12.2008

In einer großen Allegorie zeichnet Kurt Drawert hier die DDR als Kaspar-Hauser-Staat. Genauer: als Kaspar-Hauser-Gefängnis unter der Erde. Dunkel ist's drunten und nach der Freiheit oben im Licht sehnen sich die im Schatten wie eben einst Kaspar Hauser in seinem Gefängnis. "Tutti" heißen hier alle, zum Kollektiv ent-individualisiert und wie Kaspar, der schweigen musste, haben sie keine eigene Sprache zu sagen, was sie leiden. Das ändert sich, wenn Kaspar dann ins Freie, ins Licht und nach oben gerät. Er wird Dichter, und gar ein erfolgreicher. Glücklich aber wird er so wiederum nicht, weil ihn der ihm fremde "Kulturbetrieb" einfach schluckt. Zwiespältig fällt Samuel Mosers Urteil zu dem Roman aus. Das zunächst reizvolle Arrangement trägt, bedauert er, auf die ganze Länge doch nicht. Und allzuoft gelange das Zeitbild über "kabarettistische Folklore" dann doch nicht hinaus.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.11.2008

Mit emphatischen Worten preist Rezensent Fritz J. Raddatz diesen Roman als "grandioses Kunstwerk", das er als hochliterarische und von "kaltem Zorn klirrende" Abrechnung mit der DDR gelesen hat. Speziell die "immer neu ausschwingenden Satzgirlanden" haben es Raddatz mit ihrem Versuch angetan, nach einer "Sprache am anderen Ende der Wirklichkeit" zu suchen. Tief steigt der Rezensent mit Kurt Drawert hinab in das "Inferno der Verdammten" der Diktatur. Drawert wechsle dabei immer wieder "souverän" die Perspektive: "mal Dialog der Entrechteten, mal Elendsbericht" - kurz: das Ineinanderschieben von Erlebnis-, Klage- und Gedankenebenen. Von der Anlage her erinnert der Roman den Rezensenten an Jean Amery. Nur manchmal flacht diese "große Verdammung" aus seiner Sicht ab ins Spöttische, und dort dann nicht immer Geschmackssichere. Auch manche für Westsozialisierte unverständliche Anspielung geht aus Sicht des Rezensenten ins Leere.
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