Kenzaburo Oe

Der schwarze Ast

Roman
Cover: Der schwarze Ast
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783100552075
Gebunden, 287 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Japanischen von Nora Bierich. In "Der schwarze Ast", dem zweiten Band seiner Romantrilogie "Grüner Baum in Flammnen", führt uns Kenzaburo Oe in sein Heimatdorf auf der japanischen Insel Shikoku, dem Mittelpunkt seiner epischen Welt. Dort haben sich um Bruder Gii Menschen versammelt, die unter dem mystischen Bild eines Grünen Baums in Flammen ihre Sehnsucht fassen und dafür ein Dach, eine "neue Kirche" suchen. Giis Vater beobachtet das entstehende Amalgam von westlicher Mystik und archaischem Glauben und wird allmählich Teil des Prozesses, der sich um Bruder Gii verselbständigt. Die echte und die gespielte Inbrunst der Anhänger, das Echo in den Medien, die für die einstige Sensation nur noch Kritik und Häme haben, führt zu Spannungen, die die Gemeinschaft immer mehr bestimmen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2002

Als gegensätzlich und doch verwandt betrachtet Irmela Hijiya-Kirschnereit das Werk Kenzaburo Oes und Yukio Mishimas. Nicht nur, dass beide Schriftsteller zu einem bestimmten Zeitpunkt erklärten, sie würden fortan keine Romane mehr verfassen (was für Mishima durch seinen spektakulären Selbstmord auch endgültig war); darüber hinaus sieht die Rezensentin beide auf einer religiösen Heilssuche, die bei Mishima in budhhistische Richtung ging und bei Oe eher von einer christlichen Motivik begleitet ist. Der eine war konservativ, der andere ist existentialistisch und antikapitalistisch eingestellt: Aber beide eint, so Hijiya-Kirschnereit, die "Verehrung für gescheitertes Rebellentum". Der von Hijiya-Kirschnereit besprochene Oe-Band "Der schwarze Ast" stellt den zweiten Teil einer Trilogie dar, den man aber ohne Kenntnis des ersten lesen kann, wie sie versichert. Dennoch sei das Buch ein harter Brocken für den Leser, meint sie, weil die Geschichte fast ohne Handlung auskomme und von vielen Zitaten durchzogen sei, darunter eine Menge Texte europäischer Schriftsteller, die, wie die Rezensentin anmerkt, "erstaunlich gleich" klingen. Trotz gewisser übersetzerischer und erzählerischer Schwächen bleibt der Roman für Hijiya-Kirschnereit ein fesselndes Buch, weil es die Suche nach Spiritualität einmal aus umgekehrter, nämlich fernöstlicher Perspektive schildert.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.07.2002

Irgendwo auf diesem vom Autor geharkten Weg der Erkenntnis, muss Ulrich Baron die Orientierung verloren haben. Am Ende weiß er nicht mehr, ob Oe für seine Leser einen Kreuzweg oder nicht doch vielleicht eine Sackgasse konstruiert hat. Schuld daran ist der Umstand, dass äußerliche Handlung in diesem zweiten Teil der Romantrilogie "Grüner Baum in Flammen" eigentlich kaum stattfindet und stattdessen allerhand "geistige Aneignungsversuche, von Dante und Meister Eckhardt bis hin zu Wagner und amerikanischen Spirituals" gestartet werden, was die Geschichte einer proreligiösen Gemeinschaft auf der Insel Shikoku schlicht um ihre Überschaubarkeit bringt. Als große Abhandlung über die "Belange der Seele", meint Baron, ist Oes Trilogie dennoch ein imponierendes Projekt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.06.2002

Ein wenig verwundert fragt sich Rezensent Ludger Lütkehaus eingangs, ob der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe zum "Spirituellen" konvertiert sei, handelt sein neuer Roman "Der schwarze Ast" doch von der Gründung einer synkretistische Kirche, ihrem Geschick und ihren Mitgliedern. Manches spricht nach Lütkehaus für diese Vermutung. So porträtiert sich Oe darin laut Lütkehaus als einen "Menschen ohne Glauben", aber mit großem Interesse an der religiösen Kategorie der "Gnade". Wie Lütkehaus erklärt, erscheint Oe selber - gemäss dem Gattungsgesetz des autobiografischen Shishosetsu-Romans - nicht mehr in der Ich-Form, sondern als der Romane schreibende "Onkel K.", was dem Autor ein "neoromantisch anmutendes Spiel" mit diversen Erzählerrollen erlaubt. Für die daraus resultierende Ironie der Maskeraden, Distanzierungen und Selbstrelativierungen ist Lütkehaus dann auch "doppelt dankbar", denn die Lektüre des Romans empfindet er als mühselig. Insbesondere Oes Neigung zum Symbolismus und seine Vorliebe für die "semiotischen Stätten" seiner Heimat tragen nach Ansicht von Lütkehaus dazu bei. Leicht wehmütig werden Oe-Leser bei diesem Roman an die frühen Meisterwerke seiner Erzählungen zurückdenken, glaubt Lütkehaus, und wünscht den Romanen Oes etwas "mehr Erdung".
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