Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph. Das Haus hatte einen kleinen Garten. Mit diesem unscheinbaren Satz beginnt das Buch, eine Erzählung aus der Perspektive eines kleinen Mädchens, einer 11jährigen Grundschülerin. Aber die Unscheinbarkeit verliert sich schnell, der Leser ahnt schon nach wenigen Seiten, dass es um etwas Außergewöhnliches geht. Nicht um den Garten und das Haus, in dem das Mädchen allein mit ihrer strengen, von einem Reinlichkeitswahn besessenen Mutter zusammenlebt, nicht um die Nachbarn, von denen die Mutter sich abschottet, nicht um die Einsamkeit des Mädchens in der Schule. Eine Reihe eher merkwürdiger häuslicher und schulischer Ereignisse, vorgetragen aus der unschuldigen Sichtweise des Mädchens, macht bald klar, dass sich in Umizuka, der Stadt am Meer, in der das Mädchen und seine Mutter leben, etwas Ungeheuerliches ereignet hat und dass die Bewohner alles dafür tun, dieses Ungeheuerliche nicht zur Kenntnis zu nehmen. Man ist eine Gemeinschaft, die Schlimmes überstanden hat und deshalb um so mehr Gemeinschaft sein muss. Niemand darf ausscheren, niemand er selbst sein.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2018
Rezensent Steffen Gnam würdigt Manichi Yoshimuras 2014 im Original erschienenen Roman als "fulminante Japan-Satire" über Uniformismus, Höflichkeits-Hierarchien, Sauberkeitswahn und Wiederaufbau-Nationalismus im Post-Fukushima-Zeitalter. Die Geschichte um die junge Kyoko, die mit ihrer Mutter nach einer Katastrophe evakuiert wird und in einer "kafkaesken" Kleinstadt landet, in der die Grenzen zwischen Fürsorge, Beobachtung und Bespitzelung verschwimmen, enthülle zudem die Psychologie totalitärer Systeme und deren Alltagswahnsinn, schließt der Kritiker.
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