Gary J. Bass

Tribunal in Tokio

Die Kriegsverbrecherprozesse in Japan und die Neuordnung Asiens nach 1945
Cover: Tribunal in Tokio
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783100025043
Gebunden, 1088 Seiten, 48,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm und Werner Roller. Mit 40 Schwarzweiß-Abbildungen. Erstmals erzählt Gary J. Bass die fesselnde Geschichte der Tokioter Prozesse, bei denen ab 1946 japanische Regierungs- und Militärvertreter wegen Kriegsverbrechen vor Gericht standen. Sie waren für das Internationale Recht ebenso bedeutend wie die Nürnberger Prozesse. Doch es ging nicht nur um rechtliche Fragen - verhandelt wurde im beginnenden Kalten Krieg auch die Neuordnung Asiens. Bass zeichnet eindringliche Porträts der elf Richter aus elf Ländern und der Angeklagten und schildert das nervenaufreibende diplomatische Ringen im Hintergrund. Dabei stellt sich die Frage, ob es eine Form von Siegerjustiz gab, wie es der indische Richter sah: Warum standen keine US-Generäle vor Gericht? Mehr denn je stehen wir heute vor der Frage, wie neutral das Internationale Recht eigentlich ist - Gary Bass gelingt eine furiose, historisch fundierte Antwort.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2025

Ein umfang- und materialreiches Buch legt Gary J. Bass laut Rezensent Kim Christian Priemel hier vor. Dessen Thema sind die Tokioter Prozesse, die nach dem Vorbild der Nürnberger ins Leben gerufen wurden, aber in der Geschichtsschreibung, zumindest der westlichen, oft in deren Schatten stehen. Entlang dieses auf Recherchen in diversen Archiven basierenden Buches rekonstruiert Priemel, worum es in den Prozessen ging, nämlich die brutale japanische Kriegsführung in Asien, wobei Kriegsverbrechen, etwa im Rahmen des Massakers von Nanjing, ebenso auf der Agenda standen wie der Vorwurf der Vorbereitung des Angriffskriegs. Bass geht auf einige Besonderheiten der Prozesse ein, wie die Tatsache, dass mit dem Kaiser Hirohito eine zentrale Figur auf japanischer Seite nicht vor Gericht stand, oder auch auf die Schwierigkeiten, die es mit sich brachte, dass westliche Kolonialmächte Japan für kolonialistisches Handeln zur Rechenschaft zu ziehen versuchten. Bass zeigt durchaus auf, erläutert Priemel, wie wichtig Tokio für die internationale Rechtssprechung war, aber leider gehen die Qualitäten des Buches oft in einem eher Gossip-artigen Tonfall unter, außerdem benutzt der Autor eine arg bildliche Sprache, etwa wenn er Prozessbeteiligte rot anlaufen lässt - das Aktenmaterial gibt solche Ausschmückungen nicht her, meint der Rezensent, der selbst Historiker ist. Auch, dass Bass auf Teufel komm raus Nürnberg gegen Tokio ausspielen will und den Deutschen eine im Gegensatz zu den Japanern gelungene Vergangenheitsbewältigung zuschreibt, lässt Priemel im Lichte jüngerer Ereignisse nicht gelten. Insgesamt also eine ambivalente Besprechung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2025

Rezensent Peter Sturm nimmt Gary J. Bass sehr informative Darstellung und Analyse des Kriegsverbrecherprozesses in Japan zum Anlass und zur Grundlage, um die problematische Ausgangslage eben dieses Prozesses zu skizzieren und damit auch den komplexen Gegenstand von Bass' Arbeit. Diese Arbeit, so Sturm, habe zwei Dimensionen: Zum einen die präzise und ausführliche Schilderung der Herausforderungen eines solchen Prozesses im allgemeinen, sowie der Schwierigkeiten in diesem speziellen Fall. Und zum anderen die Reflexion und Bewertung des Prozesses und seiner Bedeutung aus heutiger Perspektive. Schließlich ging es damals nicht ausschließlich um die Verurteilung von Kriegsverbrechen, sondern auch darum, eine neue Ordnung und neue Normen aufzustellen. Die politische Wirkung des Prozesses schätzt der Autor als eher gering ein, so Sturm, umso dringlicher sein Appell, sich an die damals selbst aufgestellten Normen auch zu halten. Angesichts von Trumps Verhalten in dessen zweiter Amtszeit scheinen solche Appelle dem Rezensenten allerdings wie Zukunftsmusik, im besten Fall.