Gulistan lebt mit ihrem Mann Çiya in einem Land, das sie anfeindet für ihre Sprache, ihr Denken, ihr ganzes Sein. Unter dem diktatorischen Regime Saddam Husseins werden sie als Kurden verfolgt. Als Çiya verschwindet, begibt Gulistan sich auf die Suche nach ihm. Nichts kann ihren Willen brechen, ihren Geliebten wiederzufinden, auch wenn ihr immer wieder das Ausmaß ihrer eigenen Ohnmacht vor Augen geführt wird. Schließlich begegnet sie Çiya bei einer Versammlung inmitten einer Menschenmasse wieder - in der Uniform des Diktators, als dessen Doppelgänger. Gulistan wird verhaftet und verliert zunehmend den Verstand, doch entwickelt umso stärkere Widerstandskräfte, nicht erst, als sie von ihrer Schwangerschaft erfährt. Wie soll man nicht dem Wahn verfallen angesichts einer Diktatur, die Wahrheiten verdreht, den Menschen alles nimmt und nichts kennt als die Sprache der Gewalt?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 12.08.2026
Schwer beeindruckt zeigt sich Rezensentin Judith von Sternburg von Karosh Tahas Roman. Die Autorin schreibt über den Leidensweg der titelgebenden Hauptfigur, die als Kurdin im Irak Saddam Husseins allseitig von Anfeindungen umgeben ist. Gulistans Mann Çiya wird verschleppt und vermutlich gefoltert, Gulistan sucht ihn, wird immer panischer - und auch die Sprache, ja sogar das Schriftbild beginnt zu zerfallen. Bis auf Punkte gibt es kaum Interpunktion im Buch, dafür aber, wenn Gulistan redet, oft größere Abstände zwischen den Worten. Die Rezensentin ist sehr angetan von diesen Sprachexperimenten, gelingt es ihnen doch, die inneren Stürme der Figur auf Papier zu bannen. "Eher ein Prinzip als ein Individuum" ist Gulistan selbst laut Sternburg, aber das ist nicht als Kritik gemeint. Dass Gulistan später gar zu einer Art Doppelgängerin Saddams wird, fügt sich ins Bild, findet Sternburg: "Alles schillert". Insgesamt, so das Fazit, ein eindrückliches Werk und zurecht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.
Karosh Tahas neuster Roman "Gulistan" steht auf der Longlist - und wenn wir Marie Schoeß glauben, auch zurecht. Und das liegt laut Kritikerin nicht mal am Thema - Taha erzählt von Diktatur und Genozid im Irak der 80er und 90er - sondern am Erzählverfahren der Autorin: Um zu erzählen, wie die titelgebende Gulistan, die nach dem Verschwinden ihres Mannes verhaftet und verhört wird, ihre zunehmend ihre Sicherheit, ihre Sprache, ja ihren Verstand verliert, treibt Taha das für die Autorin ohnehin typische Auflösen konventioneller Erzählmuster zum Äußersten, verrät Schoeß: Weißräume und Lücken durchziehen den Text, bald auch Satzzeichen und schließlich teil Taha Seiten mit einem Strich in zwei Teile, um anhand der zunehmend schwierigen Lesbarkeit des Textes Gulistans emotionale und sprachliche Unsicherheit zu verdeutlichen. So intensiv und "mutig" ist selten von Gewalt und Zerstörung erzählt worden, findet die Rezensentin.
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