Kamel Daoud
Huris
Roman

Matthes und Seitz, Berlin 2025
ISBN 9783751810319
Gebunden, 398 Seiten, 28,00 EUR
ISBN 9783751810319
Gebunden, 398 Seiten, 28,00 EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Die junge Algerierin Aube hat den Bürgerkrieg der 1990er-Jahre selbst miterlebt, davon zeugt nicht zuletzt die Narbe, die ihren Hals wie ein Lächeln umspannt. Beim Überfall auf ihr Dorf hatten Islamisten versucht, ihr die Kehle durchzuschneiden, doch allein ihre Stimmbänder wurden erfasst. Nicht nur die fehlende Stimme bringt Aube nun zum Schweigen, sondern auch die staatlichen Gesetze, die verbieten, an den damaligen Bürgerkrieg zu erinnern. Ihr Schmerz und ihre Auflehnung dringen nicht nach außen. Einzig an die Tochter, die in ihrem Inneren heranwächst, kann Aube ihre Worte richten. Denn die geheime Schwangerschaft konfrontiert die junge Algerierin mit Fragen über die furchtbare Vergangenheit und eine düstere Zukunft: Hat sie das Recht, ihr Kind zu behalten? Kann sie Leben schenken, wenn es ihr selbst fast entrissen wurde? Aube kehrt zurück in ihr Heimatdorf, wo alles begann, und sucht Antworten bei den Toten.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.10.2025
Eine starke Ich-Erzählerin gibt es in diesem Roman des algerischen Schriftsteller Kamel Daoud, den Rezensentin Katharina Teutsch in Paris zum Gespräch getroffen hat. Es sind nämlich, das wird in Daouds Geschichte deutlich, vor allem die Frauen, die unter dem islamistischen Regime in Algerien leiden, gegen das der Schriftsteller anschreibt. Die Protagonistin ist eine Frau aus Oran, der als Kind während des algerischen Bürgerkrieges von Islamisten die Kehle durchgeschnitten wurde - sie überlebte, muss aber fortan durch eine Kanüle atmen und kann nicht sprechen. Das algerische Regime verbietet es per Gesetz über den Bürgerkrieg zu sprechen oder zu schreiben, was auch der Grund ist, warum Daoud nicht in seine Heimat zurückkehren kann, erklärt die Kritikerin. Die Täter von damals wurden nie verfolgt, erzählt Daoud ihr außerdem, eine Aufarbeitung der traumatischen Ereignisse gab es nicht. Genau das versucht nun die Heldin des Romans, indem sie an den Ort des Verbrechens zurückkehrt und nicht nur vom Krieg, sondern auch von sich selbst erzählt. Das ist ein starkes Buch, geprägt von der rhetorischen Brillanz seines Schöpfers, so das Fazit, und darüber hinaus ein hochpolitisches Ereignis.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.10.2025
Rezensentin Karen Krüger widmet Kamel Daouds "Huris", einem der wichtigsten Romane dieser Saison, eine ausführliche Besprechung, in der sie auch die Klage der Algerierin Saada Arbane, die Daoud vorwirft, ihre Geschichte zu erzählen, auffächert. Ganz gleich, wie der Prozess ausgeht, die Kritikerin empfiehlt unbedingt die Lektüre des Romans, der in Algerien verboten ist. Erzählt wird die Geschichte von Aube, der während des schwarzen Jahrzehnts im Jahr 1999 von Islamisten die Kehle durchgeschnitten wird: Im Gegensatz zu ihrer Schwester überlebt Aube, sprechen ist ihr allerdings kaum noch möglich. Rauchend, tätowiert und ohne Kopftuch betreibt Aube später einen Schönheitssalon, wo sie unter anderem Schamhaare epiliert. Bald wird sie schwanger, und erzählt ihre Geschichte nicht nur ihrem ungeborenen Kind "Huris", sondern reist auch in ihr Heimatdorf zurück, wo sie auf Opfer und Täter trifft. Es ist nicht nur dieser Blick auf ein verdrängtes Kapitel algerischer Geschichte, der die Kritikerin in den Bann schlägt - auch der Frage, wie auf der Basis von Verdrängung eine Gesellschaft aufgebaut werden kann, folgt sie hier mit Daoud. Und wie der Autor zwischen den Tönen switcht, voller Poesie und zugleich "eiskalt" von der brutalen Gewalt erzählend, ringt der Rezensentin außerdem Anerkennung
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.10.2025
Rezensentin Karen Krüger widmet Kamel Daouds "Huris", einem der wichtigsten Romane dieser Saison, eine ausführliche Besprechung, in der sie auch die Klage der Algerierin Saada Arbane, die Daoud vorwirft, ihre Geschichte zu erzählen, auffächert. Ganz gleich, wie der Prozess ausgeht, die Kritikerin empfiehlt unbedingt die Lektüre des Romans, der in Algerien verboten ist. Erzählt wird die Geschichte von Aube, der während des schwarzen Jahrzehnts im Jahr 1999 von Islamisten die Kehle durchgeschnitten wird: Im Gegensatz zu ihrer Schwester überlebt Aube, sprechen ist ihr allerdings kaum noch möglich. Rauchend, tätowiert und ohne Kopftuch betreibt Aube später einen Schönheitssalon, wo sie unter anderem Schamhaare epiliert. Bald wird sie schwanger, und erzählt ihre Geschichte nicht nur ihrem ungeborenen Kind "Huris", sondern reist auch in ihr Heimatdorf zurück, wo sie auf Opfer und Täter trifft. Es ist nicht nur dieser Blick auf ein verdrängtes Kapitel algerischer Geschichte, der die Kritikerin in den Bann schlägt - auch der Frage, wie auf der Basis von Verdrängung eine Gesellschaft aufgebaut werden kann, folgt sie hier mit Daoud. Und wie der Autor zwischen den Tönen switcht, voller Poesie und zugleich "eiskalt" von der brutalen Gewalt erzählend, ringt der Rezensentin außerdem Anerkennung ab.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.09.2025
Rezensent Fokke Joel sieht in Kamel Daouds Roman ein literarisch gelungenes und dringend benötigtes Stück Erinnerungskultur angesichts der Algerischen Verdrängungspolitik. Es geht darin um die Opfer des Algerienkriegs, der 1992-2002 zwischen Islamisten und der Regierungsarmee geführt wurde, und an die zu erinnern dort gesetzlich verboten wurde - Daoud schreibt aus dem französischen Exil, erklärt Joel. Aufbereitet wird dies im Roman aus der Perspektive von Aube, einer Frau, die als Folge eines islamistischen Dorfüberfalls eine lange Narbe am Hals und eine Atemhilfe hat. Wie der Autor ihr Schicksal in Form eines inneren Monologs an ihr ungeborenes Kind, das sie vielleicht abtreiben will, formuliert und mit der politischen Situation verbindet, findet der Kritiker beeindruckend und "sprachlich kunstvoll" geschrieben, mit einem dichten Geflecht aus Motiven, lobt er. Auch, wie Daoud mit der Begegnung Aubes mit einem zensierten Verleger und Buchhändler die Lage der Intellektuellen in den Blick nimmt, packt den Kritiker. Ein wichtiger Roman, der "unter die Haut" geht, so Joel.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 10.09.2025
Einen "verstörenden, mitreißenden" Roman wider das Vergessen hält Rezensent Christoph Vormweg mit Kamel Daouds Roman über den algerischen Bürgerkrieg und das von der Regierung verordnete Schweigen darüber in Händen. Erschreckend ist das Buch, weil es tabulos ist, so der Kritiker: Mit "großer literarischer Klasse" erzählt Daoud die Geschichte von Aube, der bei einem Überfall islamistischer Terroristen die Kehle durchgeschnitten wurde. Sie überlebte, verlor aber ihre Stimme. Nur ihre "innere Stimme" bleibt ihr, mit der sie mit dem Fötus in ihrem Bauch spricht und ihre Geschichte erzählt. Die wütende Kritik an der Frauenfeindlichkeit in Algerien und an der Auslöschung der Erinnerung an das grausame "Schwarze Jahrzehnt" des Bürgerkriegs beeindruckt den Kritiker zutiefst, die Sprache Daouds haben Holger Fock und Sabine Müller außerdem "hervorragend" ins Deutsche übertragen, sei es die "tastende existentielle Sinnsuche" Aubes oder die "verlogenen Scheinheiligkeit der Imame". Hinzu kommen zahlreiche interessante Figuren und ein komplexer Plot, der bis zuletzt spannend bleibt - Vormweg empfiehlt die Lektüre nachdrücklich.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 27.08.2025
Sehr knapp, aber angetan bespricht Dirk Fuhrig diesen mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman des algerischen Intellektuellen Kamel Daoud. Daoud, der ebenso wie Boualem Sansal das staatliche verordnete Schweigen über die Grausamkeiten des "finsteren Jahrzehnts" in Algerien brach und gegen den die algerische Justiz zwei Haftbefehle beantragt hat, erzählt hier von Aube, die nach einem islamistischen Anschlag seit ihrem fünften Lebensjahr nicht sprechen und nur durch einen Schlauch atmen kann, erfahren wir. In Form eines inneren Monologs erzählt sie von der durch den immer strenger ausgelegten Islam eingeschränkten Selbstbestimmung von Frauen, die sie unter anderem erfährt, als islamistische Fanatiker ihren Friseursalon verwüsten. Wie Daoud Zeitgeschichte, weitere Stimmen und Handlungsstränge in den inneren Monolog einflicht, mit stetem Willen zur Poesie, erscheint dem Rezensenten zwar mitunter etwas viel des Guten. Dennoch rät er dringend zur Lektüre dieses geradezu "antiken Klagegesangs", der nicht nur "politisch und poetisch, grausam und intim" ist, sondern auch brandaktuell.
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