Juri Felsen

Getäuscht

Roman
Cover: Getäuscht
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2025
ISBN 9783462006315
Gebunden, 272 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen übersetzt von Rosemarie Tietze. Juri Felsen, der einst als "russischer Proust" galt, war einer der führenden Schriftsteller seiner Generation. Juri Felsen wurde von den Nazis ermordet, sein Werk war lange vergessen, bis es in den letzten Jahren wiederentdeckt und nun zum ersten Mal auf Englisch und Deutsch veröffentlicht wird. Wir treffen unseren namenlosen Erzähler im Paris der Zwanzigerjahre, wo er sich nach der Russischen Revolution als Emigrant wiederfindet. Auf Bitten einer Bekannten lernt er die schöne, kluge und gesellige Ljolja kennen, die ebenfalls gerade aus Russland geflohen ist. Was als lockere Freundschaft beginnt, verwandelt sich schnell in Faszination und Besessenheit, da sie uneindeutige Signale sendet und anderen Männern nachstellt. Während Ljolja weiterhin ein Leben führt, das nicht von den Kräften der gesellschaftlichen Konvention und der Geschichte beeinträchtigt wird, werden die in Tagebuchform geschriebenen Enthüllungen unseres Erzählers immer schmerzhafter, vertrauter und reich an psychologischer Introspektion.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 31.03.2025

Sehr gerne treibt sich Rezensent Egbert Tholl mit dem Ich-Erzähler dieses Buches im Paris der 1920er Jahre herum. Geschrieben hat das Buch Juri Felsen, ein seinerzeit mit Proust verglichener exilrussischer Autor, und zwar im Jahr 1930, so Tholl, dem das Spiel gut gefällt, das Felsen hier mit seiner Erzählinstanz treibt. Man hat fast das Gefühl, der Autor mache sich lustig über sein Erzähler-Ich, das hier Tagebuch schreibt: In langen Sätzen legt dieser sein Inneres offen, seine "Larmoyanz", auch seinen männlichen Narzissmus, der ihn keineswegs zum Licht der Selbsterkenntnis führt. Inhaltlich geht es um die Liebe, und zwar um die Liebe zu Ljolja, der Nichte einer Bekannten des Erzählers, die Liebe ist unglücklich und realitätsfern, das Ende der Geschichte alles andere als happy, wobei der Erzähler keineswegs vorhat, sich und seine Sicht auf die Welt zu ändern. Toll, wie die Innerlichkeit dieses Erzählers ausgeleuchtet wird, sehr gelungen auch Rosemarie Tietzes Übersetzung, ( "eine silbrig glitzernde Symphonie"). Kurz: der Kritiker ist rundum zufrieden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2025

Rezensentin Christiane Pöhlmann würde sich so gerne begeistern für dieses 1930 publizierte Werk des in St. Petersburg als Nikolai Freudenstein geborenen Schriftstellers Juri Felsen. Allein die Lebensgeschichte Felsens, der im Pariser Exil gegen Faschismus und Bolschewismus opponierte, in Auschwitz ermordet wurde und bald vergessen wurde, hätte es verdient, meint sie. Auch für Vorwort und Übersetzung von Rosemarie Tietze hat Pöhlmann nur Lob übrig. Aber mit dem Roman, der unverkennbar am Bewusstseinsstrom von Joyce und Proust geschult ist, wird die Kritikerin nicht warm: Zu sehr leidet ihr der namenlose Ich-Erzähler, der in den Zwanzigerjahren im Pariser Exil lebt, an seiner Besessenheit von der in Berlin lebenden Llolja, aber auch an seiner Einbildung. Besonders sympathisch erscheint Pöhlmann der "chauvinistische" Held auch nicht. Weder sprachlich noch inhaltlich kann sie der Roman vollständig überzeugen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 08.02.2025

Beeindruckt zeigt sich Rezensentin Olga Hochweis vom Romanerstling Juri Felsens, der endlich auch auf deutsch vorliegt. Das im Original 1930 erschienene Buch handelt, lernen wir, in autofiktionaler Manier von einem Russen, dem Ich-Erzähler, der in Paris im Exil lebt und unter den wenig glamourösen Bedingungen dieses Lebens leidet. Noch mehr leidet er bald, fährt Hochweis fort, an seiner Liebe zu Ljolja, einer Bekannten, die er gerne heiraten möchte, die aber wenig Interesse daran zu haben scheint, sich exklusiv an den Erzähler zu binden. Felsen entwirft hier die Geschichte einer Selbsttäuschung, erläutert die Rezensentin, der gekränkte Erzähler projiziert allerlei Dinge auf Ljolja, die mit der realen Frau wenig zu tun haben. Einige heutzutage ziemlich sexistisch anmutenden Kommentare über das Äußere von Frauen muss man ertragen, meint Hochweis, die freilich insbesondere von Felsens Schreibstil angetan ist. Vor allem die langen Sätze des Autors, in denen die zerrüttete Psyche des Erzählers direkt auf die Sprache überzugreifen scheint, haben es ihr angetan. Eine Entdeckung ersten Ranges, so der Tenor der Kritik, und auch die Übersetzerin Rosemarie Tietze hat erstklassige Arbeit geleistet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.01.2025

Rezensent Paul Jandl begegnet einem "grandiosen Jammerlappen" in Juri Felsens Roman aus den 1920ern. Der selbstquälerische Held, der sich vor der Arbeit drückt, unter ständigem Geldmangel leidet und sich in Paris schließlich in ein imaginiertes Liebesabenteuer stürzt, macht das Buch für Jandl eigentlich zu einer niederschlagenden Lektüre. Die feine Romankonstruktion, die "doppelbödige" Sprache (in der "spielerischen" Übersetzung von Rosemarie Tietze) und unfreiwillige Komik verleihen dem Ganzen allerdings so viel Glanz, dass Jandls Freude über die Wiederentdeckung des 1943 in Auschwitz ermordeten Autors schließlich triumphiert.