Jenseits der Klischees von Schimanski, Kumpel und Pommes-Currywurst bleibt die Identität des Ruhrgebiets und seiner Bewohner:innen merkwürdig blass. Dass es hier eine Pluralität von vordergründig sichtbaren oder versteckten Identitäten gibt, legen die Beiträge dieses interdisziplinär angelegten Bandes aus der Perspektive der Geschichts- und Politikwissenschaft, der Kulturwissenschaft sowie der Theologie offen. Im Zeitraum "nach dem Boom" der 1950er- und 1960er-Jahre entfalteten sich hier - so die These - um die Kern-Identität des schwer malochenden Kumpels unter Tage Teilidentitäten, die in ihrem Kern zwar noch eng mit Bergbau und Stahlindustrie verwoben waren, sich aber in "Subkulturen" wie Sport, Musik, Kunst oder Religion zeigten. Entstehungszeitraum dieser Identitäten waren die 1970er Jahre: eine Zeitspanne, in der die Deindustrialisierung des Ruhrgebiets schon seit einigen Jahren lief, nun aber weitreichende Transformationen - etwa eine erhöhte Arbeitslosigkeit oder der Ölpreisschock - hinzukamen, die das Ruhrgebiet als einst wichtigste Montanregion Europas vor besondere Herausforderungen stellten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2025
Der Sammelband der Herausgeber Juliane Czierpka, Sarah Thieme und Florian Bock macht sich auf die Suche nach neuen Narrativen für das Ruhrgebiet, erfahren wir von Rezensent Andreas Rossmann, denn die altbekannten Stereotype von "Schimanski, Kumpel, Currywurst" reichen nicht mehr aus, um die "seltsam unbestimmte Identität" der Region zu fassen. In einem Beitrag plädiert Stefan Berger dafür, die dominante Erzählung von Industrie und Deindustrialisierung zu pluralisieren und auch "vergangene Zukünfte" einzubeziehen, resümiert der Kritiker. Die Beiträge, lobt Rossmann, reichen von Oral-History-Interviews bis zur Vereinnahmung der Industriegeschichte durch rechte Gruppen. Identitätsbildung im Fußball und in der Metal-Szene wird beleuchtet, außerdem wird unter anderem der Frage nachgegangen, wie es um die religiöse und kulturelle Vielfalt steht. Auffällig ist jedoch, dass Hochkultur kaum vorkommt - "Schauspielhaus Bochum" oder "Folkwang-Museum" werden nur am Rand erwähnt. War das Ruhrgebiet in dieser Hinsicht schon einmal weiter, fragt sich der Kritiker abschließend.
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