Ein "Geheimes Buch" über anonyme Geburten erlaubt einen ungewöhnlichen Blick
in verbotene Beziehungen und deren Folgen im 19. Jahrhundert.
Wie lebten Frauen und Männer aus "guter Familie" Beziehungen jenseits der Gesetze und Konventionen, und wie gingen sie mit deren Folgen um? Eine jüngst aufgetauchte Quelle, das "Geheime Buch" des Göttinger Entbindungshospitals liefert hier neue, überraschende Perspektiven. Nach detektivischer Entschlüsselung gewährt das Buch tiefe Einblicke in unstatthafte Paarkonstellationen, verheimlichte Geburten und verborgene Kindschaften. Mit welchen Mitteln die Geheimhaltungsstrategien zur Rettung der Familienehre umgesetzt wurden tritt ebenso zutage wie die Folgen, die sich daraus für Frauen, Männer und ihre verschwiegenen Kinder ergaben. Zugleich wird ein Aspekt der Entbindungsklinik sichtbar, der bisher im Dunkeln lag: die "heimlichen" Geburten. Angesichts aktueller Debatten um anonyme oder vertrauliche Geburten kommt dieser spezifischen Funktion des Hospitals besondere Bedeutung zu.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2018
Rezensent Steffen Martus hat schon Jürgen Schlumbohms 2012 erschienene Studie über das 1751 gegründete Entbindungshospital mit Gewinn gelesen. Entsprechend erfreut ist der Kritiker, dass der Göttinger Historiker dem erst nach Veröffentlichung seiner Studie aufgetauchten "Geheimen Buch" nun diese Untersuchung gewidmet hat, in der er sich mit jenen Patientinnen beschäftigt, die sich, aus adligen oder bürgerlichen Kreisen stammend, eine geheime Entbindung leisten konnten. In 27 Fallgeschichten liest der Rezensent nach, welche Schlupflöcher Mütter für die Erziehung ihrer unehelichen Kinder fanden und mit welchem Pragmatismus Gesetze umgangen worden. Nicht zuletzt verdankt Martus dieser, wie er findet, instruktiven Studie eine lesenswerte Analyse der Lebensmöglichkeiten in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.
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