Jürgen Große

Kritik der Geschichte

Probleme und Formen seit 1800. Überarbeitete Habil.
Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2007
ISBN 9783161490231
Gebunden, 352 Seiten, 75,00 EUR

Klappentext

Seit der Genese der modernen Prozessgeschichte wie des zugehörigen Bewusstseins erhebt sich Kritik an ihren ontologischen, epistemologischen und lebenspraktischen Herrschaftsansprüchen. Im Unterschied zur Historismuskritik oder Skepsis gegenüber einzelnen Geschichtsphilosophien stellt die Kritik der Geschichte die Universalität des prozessgeschichtlichen Denkens, aber auch eines dadurch bestimmten Daseins überhaupt in Frage. Diese Kritik vollzieht sich weithin als eine Selbstdestruktion des modernen Geschichtsdenkens.
Die prozessgeschichtliche Synthese mit ihrem Versprechen, Historizität gleichermaßen denken und erfahren zu können, zerbricht sowohl realgeschichtlich wie in der wissenschaftlichen und philosophischen Theorie. Einzelne Momente dieser Synthese wie die Vorstellung eines homogenen geschichtlichen Raums oder der unhintergehbaren Geschichtlichkeit der Existenz verselbständigen sich. Hierdurch entstehen alternative Deutungen individuellen wie kollektiven Daseins in der Zeit. Ihre grundlegenden Möglichkeiten differenzieren sich bereits im 19. Jahrhundert vollständig gegeneinander aus und bestimmen den Umgang mit dem geschichtlichen Bewusstsein bis in die Gegenwart.
Jürgen Große bietet eine Gesamtdarstellung dieser Problematik. Im ersten Teil stellt er eine Typologie von vier Formen der Geschichtskritik auf: überhistorisch, transhistorisch, unhistorisch und antihistorisch. Im zweiten Teil des Buches werden deren Transformationen und Vermischungen im 20. Jahrhundert verfolgt. Dabei zeigt sich, dass die prozessgeschichtliche Synthese des 19. Jahrhunderts in einer reduzierten Form überlebt hat, nämlich in der liberalistischen Utopie grenzenlosen Wachstums - einer störungsfreien, "ungeschichtlichen" Geschichte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.11.2007

Schwere Kost scheint Rezensent Burkhard Müller dieser systematische Darstellung von Positionen gegen den Primat der Geschichte, die Jürgen Große als Habilitationsschrift vorgelegt hat. Beeindruckt, ja fast ein wenig eingeschüchtert hat ihn die Fülle des komplexen Materials, das der Autor zusammengetragen hat. Er bewundert Großes Fleiß und Ausdauer, zahllose Autoren von Goethe, Schopenhauer, Hegel, Nietzsche über Dielthey und Ranke hin zu Sartre und Levi-Strauss und viele mehr zu analysieren, kategorisieren und zueinander in Beziehung zu setzten. Beflissen rekapituliert er die Grund- und Unterkategorien, räumt aber ein, in seiner Besprechung nur einen sehr verkürzten Überblick geben zu können. Die "dichte Fülle" des Buchs hält er auch für den großen Schwachpunkt des Buchs: selbst ein engagierter Leser verliere irgendwann den Überblick. Die Sprache des Autors macht die Sache in Müllers Augen nicht gerade leichter: höchste intellektuelle Mühen hat er auf sich genommen, um den Ausführungen zu folgen, aber irgendwann hat er sich über jedes Zitat geradezu gefreut, zumal wenn es von Goethe, Schopenhauer und Nietzsche stammte, die das Gemeinte entschieden klarer ausgedrückt hätten als der Autor selbst. Da stellt sich Müller schon die Frage: "Duldet das ernsthafte Philosophieren keine andere Sprache als diese?"
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