Josef Winkler

Natura morta

Eine römische Novelle
Cover: Natura morta
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783518412695
Gebunden, 104 Seiten, 16,36 EUR

Klappentext

"Feigen, frische Feigen!" ruft vor den Toren des Vatikans eine dicke Römerin neben einem kahlgeschorenen Mann, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Mafia. Made in Italy" trägt und auf einem Stab einen kleinen Plastiknegerkopf in die Höhe hält, den er den vorbeigehenden Pilgern zeigt. Josef Winkler beschreibt in seiner "römischen Novelle" die Stadt, wo sie am lebendigsten ist: wochentags das Markttreiben auf der Piazza Vittorio Emanuele; sonntags das Warten und Lungern vor dem Vatikan.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.11.2001

Friedhelm Rathjen ist begeistert vom neuen Roman des Österreichers Josef Winkler. Über den Inhalt verliert er nicht viele Worte, abgesehen davon, dass er der Ansicht ist, dass die Trias von "Blut, Sperma, Kruzifix" äußerst beeindruckend in den Inhalt eingebettet sei. Das eigentlich Herausragende seien allerdings Sprache und Form. Der Roman sei nicht linear erzählt, so dass der Fokus ständig wechsele und vieles nicht richtig zusammen zu passen scheine. Dennoch werde die Spannung kontinuierlich gesteigert, und alles füge sich zu einem Ganzen, bevor dann doch wieder alles zu einem "Nebeneinander" werde. Das Fazit des scheinbar überwältigten Rezensenten: "'Natura morta' ist ein stiller, souveräner Höhepunkt" in Winklers Schaffen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.10.2001

Katrin Hillgruber ist hingerissen von diesem Roman, in dem der Unfalltod des 16-jährigen Sohns einer Marktfrau auf einem belebten Marktplatz in Rom zur Grundlage eines literarischen Stillebens wird. Sie ist begeistert von den "blasphemischen, gerundiengesättigten Satzkadenzen", die Tod und Eros aufs Engste miteinander verbinden. Selten sei die Erotik der Verwesung derart "litaneihaft eindringlich, so farbenprächtig und variationsselig" dargestellt worden, schwärmt die Rezensentin, die eine gewisse Ähnlichkeit zu den Texten des Schweizers Christoph Geiser feststellt. Der Nährboden des "metaphorischen Überschwangs", den der Autor in seinem eindringlichen Text entwickelt, sieht sie dabei aus dem Katholizismus entwickelt. Besonders begeistert ist Hillgruber, dass dem Autor die Verbindung von einer literarischen und einer kunstgeschichtlichen Gattung gelingt, der Novelle und des Stillebens.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2001

Rezensent Stephan Wackwitz klingt, als sei er dem Text in höchstem Maße verfallen. Um seine Rezensentensouveränität zurückzugewinnen, versucht er zunächst, dessen Stilprinzip zu enthüllen. "Einfache Sätze: Subjekt-Prädikat-Adverbiale-Objekt". Wie schon bei Kafka könne man auch bei Winkler lernen, dass diese Struktur "nicht bloß etwas Starrendes, sondern entschieden etwas Unheilstarrendes" habe. Der Text selber bestehe aus einer immer wieder neu ansetzenden Beschreibung einer Straßen- und Marktszene. "Bis an die Ekelgrenze" hat Wackwitz dort Früchte und halblebendige, verwesende Körper von gefesselten und geschlachteten Tieren beschrieben gefunden. Bewundert hat er, wie Winkler diese grausamen Szenen in Stil verwandelt hat. Richtig klassisch sind diese Szenen sogar geworden, dank Winklers ungeheurer Kunstfertigkeit. Es fällt der Name Vergil. Aber auch der von Ingeborg Bachmann, deren Übersetzung der Gedichte von Giuseppe Ungaretti Winkler als "Motti" "über den Eingang der Kurzkapitel seiner Novelle" gesetzt habe. In einer erstaunlichen volte beanspruche der Modernismus in Winklers Buch Klassizität.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.09.2001

Der Autor - ein Fetischist der Verwesung? Nun ja. Zwar lässt Winkler das Geschehen seiner Novelle wieder einmal um Tod und Zerfall kreisen, wie die Rezensentin feststellt, jedoch nicht, ohne in diese Kreisbewegung "ein bemerkenswertes Quantum prallen Lebens" mit aufzunehmen. Funktioniert sie also noch, fragt Kristina Maidt-Zinke, die "Selbst-Reanimation durch Italianità? Offenbar ja. Gefallen findet Maidt-Zinke am Arrangement farbenreicher, symbolkräftiger Gegenstände (Rom sei's gedankt) und an der vom Autor überraschend entspannt und im bedenkenlosen Wechsel zwischen prätentiösen Schachtelsätzen und solchen im Stil feuilletonistischer Reisenotizen zelebrierten Wollust des Beobachtens. Dies, obgleich sie einräumen muss, dass die beobachtete Lebendigkeit als Literatur etwas "erschreckend Lebloses" hat. Leicht betreten blickt Maidt-Zinke schließlich drein, wenn Winkler seinerseits den Figuren fleißig ins "Hosenrohr" schaut - das habe was komisch Zwanghaftes, für dessen Nachvollzug man wohl die erzkatholische Biographie des Autors benötige, schreibt sie. Aber leblos klingt das eigentlich nicht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.08.2001

Wie der Autor sich in mittlerweile elf Prosabänden "schreibend das nackte Dasein erkämpft (hat), um schließlich Einlass ins Exil der Literatur zu finden," das hat dem Rezensenten imponiert. Allerdings sieht Andreas Breitenstein auch die Gefahr dieser Prosa, "im Antikatholizismus katholisch zu bleiben. Denn die Blasphemie als Beichtzwang sei nur die inverse Form des Gebets." Bietet der vorliegende Band nun einen Ausweg aus dieser Aporie? Es scheint so, meint Breitenstein und analysiert den Text als "monumentales Stilleben" im Stil des expressiven Impressionismus', in dem "Farben prunken, Formen prahlen, Stimmen schallen, Gerüche dampfen". Eine reale Utopie, wie man sie so noch nicht gesehen hat, schreibt Breitenstein. Nur, um in einer erneuten Wende die Fragwürdigkeit eines solchen Exhibitionismus' zu erörtern: der nämlich mobilisiere auf Dauer doch wenig mehr als Voyeurismus, der intellektuelle Impuls bleibe unverbindlich und des Lesers Einbildungskraft gefangen im Saal der hypertrophen Bilder. Geben sie Deutungsfreiheit! lautet der Appell.
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