Jonathan Crary

Aufmerksamkeit

Wahrnehmung und moderne Kultur
Cover: Aufmerksamkeit
Suhrkamp Verlag, Frankfurt Am Main 2002
ISBN 9783518583210
Gebunden, 512 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Heinz Jatho. In den gegenwärtigen Debatten der Kultur-, Medien- und Geschichtswissenschaft spielt die Wahrnehmungstheorie eine entscheidende Rolle: Sie leistet die Verbindung zwischen einer Theorie der Bildmedien und des Betrachters, zwischen einer Untersuchungder physiologischen und psychologischen Voraussetzungen und einer Kulturgeschichte der Wahrnehmung. Jonathan Crarys neues Buch gibt den Diskussionen eine überraschende Wendung, indem es den Begriff der Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt rückt. Die Aufmerksamkeit, das heißt die Art und Weise, in der wir etwas bewusst wahrnehmen, ist das Ergebnis von radikalen Veränderungen der Wahrnehmung selbst, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden können.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.08.2002

Der Kunsthistoriker Jonathan Crary untersucht das Phänomen der "Aufmerksamkeit" in einem so konkreten wie knapp umrissenen Zeitraum, in dem es einen entscheidenden Wandel erfuhr - nämlich in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Einseitige, rasch kulturkritisch zu wendende Deutungen, die den Tatbestand der "Zerstreuung" als Phänomen der Moderne in den Vordergrund stellen, weist Crary zurück und betont die Bedeutung neuer "Normen und Praktiken der Aufmerksamkeit". Er geht dabei exemplarisch vor, nämlich in Bildanalysen dreier Werke der Künstler Cézanne, Seurat und Manet, weitet zugleich aber den Horizont und bezieht zur Beschreibung naturwissenschaftliche Forschungen und Experimente ebenso wie "allerlei Theorien aus Philosophie, Psychologie, Soziologie und Ästhetik" ein. Heraus gekommen ist dabei, findet der Rezensent Thomas Fechner-Smarsly, ein "außerordentlich materialreiches" Buch, das zu weiterer, in dieselbe Richtung gehender Forschung Anlass bietet. Leise Zweifel deutet Fechner-Smarsly bei der Interpretation des Manet-Bildes an, lobt das Buch als ganzes aber als bedeutende "Pionierarbeit".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2002

Rezensent Friedmar Apel ist sichtlich beeindruckt von Jonathan Crarys Studie "Aufmerksamkeit", in der der Kunsthistoriker untersucht, wie sich die Verschiebung des Sehmodells in der Moderne auswirkt, und welche Rolle dabei dem Konzept der Aufmerksamkeit zukommt. Einerseits wurde Aufmerksamkeit im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Crary zufolge zu einer Möglichkeitsbedingung der Wahrnehmung und zugleich zur Idee einer leistungsorientierten und steuerbaren Subjektivität, weiß Apel. Wie er Crarys Gedanken weiter ausführt, dient die Betonung der Aufmerksamkeit der Aufrechterhaltung einer kohärenten Vorstellung von der Wirklichkeit - und damit der Disziplinierung des Subjekts. Andererseits aber sehe Crary in der reflektierten, auf sich selbst gerichteten ästhetischen Aufmerksamkeit ein entschleunigendes Heilmittel gegen den "Fieberwahn" des Modernisierungsprozesses. Apel kritisiert, dass Crary bei seiner Zuspitzung der Foucaultschen Thesen zur Überwachung im klassischen Regime übersieht, "dass sich das romantisch-visionäre Paradigma so nicht gegen den modernen Funktionalismus ausspielen lässt." Insgesamt findet er in Crarys Untersuchung allerdings eine "mit allen postmodernen medientheoretischen und kulturkritischen Wassern gewaschene, wunderbar suggestiv illustrierte und auch in ihrer Fragwürdigkeit bewundernswerte Darstellung".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.07.2002

Mit seinem viel beachteten Buch "Techniken des Betrachters" hat sich der Kunsthistoriker Jonathan Crary vor gut zehn Jahren mit der "modernen Subjektivität" beschäftigt. In seinem neuesten Werk konzentriert er sich nun in einer Verschiebung des Fokus, so der Rezensent (Kürzel upj.), auf die Aufmerksamkeit, die Crary keineswegs mit "Bewusstsein" gleichsetzen will. Gedeutet wird sie vielmehr als Vermögen, das "etwas Beliebiges zum Besonderen macht" - und die Kriterien der Auswahl sind das, wofür sich der Autor interessiert. Er wird dabei, im Zentrum des Bandes, kunsthistorisch konkret, nämlich in einer Analyse der "Aufmerksamkeitskonzepte" bei Manet, Seurat und Cézanne.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.06.2002

Zum Thema Aufmerksamkeit - den "Schlüssel zum Ausgang aus der unverschuldeten Ungewissheit" nennt Elisabeth von Thadden sie - sind jede Menge Bücher erschienen. Eines davon, Jonathan Crarys Grundlagen-Studie "Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur", hält die Rezensentin für besonders erwähnenswert. Methodisch ausgreifend und profund, schreibt sie, ergründet diese Kulturgeschichte der Wahrnehmung die Rolle der Aufmerksamkeit bei der Entstehung der modernen Subjektivität und wandert durch die Wissenschaften vom Gehirn, von der Psyche und durch Theorien der Massenkultur. Wahrnehmung in der Wechselbeziehung mit Modernisierung, als historisches Phänomen - der Autor illustriert diese Sicht anhand von Kunstwerken, diagnostiziert die Wahrnehmungskrise gegen Ende des 19. Jahrhunderts und analysiert die Reaktionen der Zeitgenossen. Sinnvoll findet Thadden auch den Blick auf die "andere Seite": Indem der Autor die Vorgänge der Wahrnehmung beschreibt, gelingt es ihm zu zeigen, "wie verlockend es ist, sich dieser Techniken zur Erzeugung von Aufmerksamkeit zu bedienen". Dass bei Crary die Psychoanalyse als Technik der Aufmerksamkeit das letzte Wort hat, irritiert Thadden allerdings ein wenig, "wenn man heute die neurologische Besetzung des Problems gewohnt ist".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.03.2002

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich das Bild, das man sich wissenschaftlich von der Wahrnehmung macht, grundlegend gewandelt: vom Glauben an die Objektivität der Phänomene schwenkte das Interesse - von Helmholtz bis Wundt - um auf das wahrnehmende Subjekt in seiner ganzen physiologischen Körperhaftigkeit. Zum zentralen Problem wird die Frage nach der (Steuerbarkeit von) Aufmerksamkeit, Jonathan Crary analysiert darauf gerichtete "Strategien sozialer Kontrolle" und Experimente der "Psychophysik". Exemplarisch untersucht werden, auch als Ort des Entzugs aus der institutionellen Disziplinierung, drei Gemälde, von Seurat, Manet und Cézanne. Julie Encke kann Crary offenkundig in vielem folgen, seinen überaus "assoziativen" Schreibstil akzeptiert sie auch - nur die Schlussthese, in der Crary die Experimentalpsychologie als direkte Antwort auf die Unzuverlässigkeit des Betrachters deutet, findet sie "allzu glatt" und geradlinig.
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