Wer wahrnimmt, weiß, wie es ist, ein Wahrnehmender zu sein. Dieses besondere Wissen des Menschen um seine eigene Lage ist das Thema einer Phänomenologie, die den Versuch wagt, um der sicheren Erkenntnis willen auf jede Modellbildung zu verzichten. Gerade wenn sich die traditionellen Modelle der Wahrnehmung als Mythen erweisen, muss die Erfahrung des Wahrnehmens selbst zum Thema werden. Diese Erfahrung erlaubt nicht länger, das Ich der Wahrnehmung in den Mittelpunkt zu rücken und Wahrnehmung als Produkt des Subjekts zu denken. Sie verlangt vielmehr, die Abhängigkeiten umzukehren und die Folgen der Wirklichkeit der Wahrnehmung für das Subjekt zu beschreiben. Nicht das Ich, das die Wahrnehmung hervorbringt, wird thematisiert, sondern die Wahrnehmung, die mich hervorbringt und in der Welt sein lässt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.12.2009
Nach dieser Lektüre hat Jan Urbich keine Angst mehr vor Realitätsverlust. Denn wie der Igel, ist unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit immer schon da. Dass Lambert Wiesing seine "inverse Transzendentalphilosophie" vom Gegebensein von Wahrnehmungen mit phänomenologischer Begrifflichkeit und ganz in der Konzentration auf die Wahrnehmung unternimmt, hält Urbich für eine gewagte Kehrtwende weg von der Idee eines "Zugangs" des Subjekts zur Wirklichkeit. Und weil der Autor so bestechend klar, gedanklich weiträumig und stringent argumentiert und dem Leser en passant Momente einer Theoriegeschichte (Wahrnehmungsphilosophie, Bildtheorie) und eine Einführung in die Phänomenologie liefert, kann Urbich den Band nur wärmstens empfehlen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2009
Sehr eingenommen ist Rezensent Wolfgang Ullrich von Lambert Wiesings wahrnehmungsphilosophischer Studie, die für ihn eine "eindrucksvolle Renaissance" des phänomenologischen Denkens darstellt. Im Zentrum der Überlegungen sieht er nicht den Wahrnehmenden, sondern die Wahrnehmung selbst, deren Realität nicht bezweifelbar ist. Überzeugend findet er die kritische Auseinandersetzung des Autors mit den dominierenden Strömungen der Philosophie in ihren diversen Formen von Repräsentationalismus und Interpretationismus, die unterschiedliche Konzepte davon entwickeln, wie die Wirklichkeit im Wahrnehmenden konstruiert wird. Ullrich attestiert Wiesing eine "vorbildlich klare Analyse", wenn dieser von der Wahrnehmung als dem Primären ausgeht, das das Subjekt als "nachgängiges" Objekt "macht". Überaus anregend scheinen ihm zudem die bildtheoretischen Reflexionen des Autors.
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