Jochen Missfeldt

Steilküste

Ein See- und Nachtstück. Roman
Cover: Steilküste
Rowohlt Verlag, Reinbek 2005
ISBN 9783498044930
Gebunden, 285 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Mai 1945, kurz vor Kriegsende. Zwei junge deutsche Marinesoldaten im besetzten Dänemark begehen Fahnenflucht, weil es sie statt in den Endkampf um Berlin nach Hause zieht. Schon wenige Stunden später greift dänische Miliz sie auf und übergibt sie der Wehrmacht. Eingesperrt in einer finsteren Schiffskammer unterhalb der Wasserlinie, werden sie in die Geltinger Bucht gebracht. Dort, in Sichtweite der Ostsee-Steilküste, stellt man sie vor ein Marinekriegsgericht. Das Urteil, Tod durch Erschießen, wird am Tag nach der bedingungslosen Kapitulation gefällt. Der Gerichtsherr, der das umstrittene Urteilspapier noch unterschreiben muss, verbringt eine Nacht ohne Schlaf. Jochen Missfeldt erzählt von diesem historisch belegten Geschehen, dessen Ausgang so unsinnig wie tragisch ist, vor dem Hintergrund der schleswig-holsteinischen Küstenlandschaft. In seiner kraftvollen und zugleich poetischen, reichen Sprache zeichnet er das Bild einer gleich mehrfach menschlichen Tragödie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.08.2005

Stefan Maus macht sich weidlich lustig über des "ehemaligen Bundeswehrpiloten" Jochen Missfeldt "gezwungenen Lyrismus", mit dem er seiner exakten Recherche um die überflüssige, nur preußischer Diensteidnibelungentreue geschuldete Hinrichtung zweier Marinesoldaten kurz nach Kriegsende literarische Weihen zu verschaffen sucht. Wenn er doch als Dichter nur geschwiegen hätte! ruft Maus aus. Dann wäre Missfeldt ein anerkennenswerter historischer Rechercheur im Stile Kempowskis geblieben. So aber, durch seine teils das Kleinerprinzhafte streifende, teils "onkelhafte" Stilmanierismen, setzt er seinen Ruf als einer der "interessanteren deutschsprachigen Autoren" aufs Spiel. Vor allem die jungenhaft durchwallte Herbergswelt, die Missfeldt einführt, gelegen über der Geltinger Bucht, wo alles seinen Ausgang nahm und wo ein gütiger Überherbergsvater immer noch tiefgründelt, bedenkt der Rezensent ausgiebig mit Spott, und er pflückte sogar einige "handfeste Stilblüten" aus dem Text. Eindrucksvoll findet Maus gleichwohl die Verdichtung der realen Schicksale dreier Marinesoldaten anno 1945 und die Zeichnung des Kommodore, der das verhängnisvolle Hinrichtungsurteil fällt, eines "Soldatenchristen, der alle Menschlichkeit dem Fetisch der militärischen Pflicht opfert".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.05.2005

Ein "bemerkenswerter" und "merkwürdiger" Roman, einer, der sich wie sein Autor den eindeutigen Zuordnungen entzieht, und gerade deshalb in den Augen des Rezensenten Ijoma Mangold hohes Lob verdient hat. Der ehemalige Starfighter-Pilot Jochen Missfeldt, der schon in "Gespiegelter Himmel" soldatisches Erleben frei von jeder Verherrlichung in Poesie verwandelt hat, nahm sich dieses Mal eines historisch verbürgten Falles an: Am 10. Mai 1945 wurden zwei junge deutsche Marinesoldaten wegen Fahnenflucht hingerichtet. Missfeldt gestaltet literarisch das Denken, welches zu dieser ungeheuerlichen Handlung führte: "Nicht der Sadismus, sondern die Pflichterfüllung, nicht viehische Gewalt, sondern moralische Reflexion, nicht blinder Nationalsozialismus, sondern ein merkwürdig abstraktes Tugendideal" haben die beiden Soldaten noch nach Ende des Krieges das Leben gekostet. Ein Kommandeur wollte den Siegern eine "tadellose" Einheit übergeben. Das Besondere an dem Roman, so Mangold, ist wiederum Missfeldts Sprache - er nimmt sich nicht zurück, verlässt sich nicht auf die schiere Wirkung des Berichteten, schreibt keine "Dokufiction", sondern einen "hochpoetischen, vor himmelwärtsfliegenden Metaphern und hinreißenden Landschaftsbildern geradezu selbstleuchtenden Roman".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.04.2005

Wolfgang Lange streicht in seiner Rezension von Jochen Missfeldts jüngstem Roman "Steilküste" die an Caspar David Friedrich gemahnende düstere Idylle heraus, die bereits im Untertitel "Ein See- und Nachtstück" evoziert wird und sich motivisch durch die gesamte Erzählung zieht. Doch gerade das, was Lange an diesem "exzellent gearbeitetem Roman, keine Frage" am meisten bewundert - die Erzählkunst des Autors - stellt für ihn gleichzeitig das grösste Manko des Buches dar: Es gibt in ihm "keine einzige Stelle, die einen derart verstört und entsetzt, wie die Malerei eines Friedrich die Zeitgenossen entsetzte und verstörte", so der Rezensent. Der verbürgten Geschichte der Hinrichtung zweier flüchtiger deutscher Marinesoldaten zwei Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, die Missfeldt zum Thema wählt, findet der Rezensent dessen poetische, bisweilen märchenhafte Sprache nicht angemessen. Obgleich Lange dem Roman zunächst durchaus wohlwollend gegenüber tritt und Missfeldt aufgrund seiner Biografie und seiner bisherigen schriftstellerischen Leistungen sogar für "prädestiniert" hält, sich des Stoffes anzunehmen, kann er ihm den Vorwurf nicht ersparen, die tragische Absurdität der Ereignisse von 1945 schlicht und einfach zu verharmlosen: "Dem Unfassbaren und Ungeheuren, das in diesen Tagen auf deutschem Boden an allen Ecken und Enden aufbrach, auf dem Lande, zur See und in der Luft, wird zuletzt der Stachel gezogen." 

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.03.2005

"Jochen Missfeldt ist ein pathetischer Autor. Keiner, der einen zum Lesen überreden will", diagnostiziert Rezensent Dirk Knipphals und beweist dann in seiner Besprechung doch, dass Missfeldts "eigenwillige, fordernde Sprache" den zunächst "angemessen fremdelnden" Leser völlig in ihren Bann schlagen kann. Knipphals jedenfalls ist von der Qualität dieses "hinreißenden Erzählers" vollends überzeugt. Der vorliegende, "interessant seltsame" Roman "Steilküste" erzählt eine wahre Begebenheit, nämlich die Hinrichtung zweier Marinesoldaten wegen Fahnenflucht am 10. Mai 1945, zwei Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Missfeldt, weit entfernt von "plattem Realismus", erschaffe daraus ein Panoptikum, in dem auch der Landschaft "emphatisch" eine Stimme verliehen werde. Unangefochtener Höhepunkt dieses in all seinen Facetten ausgeleuchteten Beispiels "nacheilenden Gehorsams" ist in den Augen des vollkommen hingerissenen Rezensenten die Schilderung der Nacht, in der der befehlshabende Kommodore darüber nachdenkt, ob er das Todesurteil unterschreiben soll.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2005

Voller Respekt notiert Jan Bürger, in was für ein gefährliches Gebiet sich Jochen Missfeldt da vorwagt. Einerseits untersucht er die verbrecherischen Todesurteile der Wehrmacht, hier am Beispiel zweier Marineangehörigen, die sogar noch nach der Beendigung aller Kampfhandlungen als Fahnenflüchtige hingerichtet wurden, andererseits wendet er sich den Opfern zu, die keine Widerstandskämpfer, sondern eher "unauffällige Mitläufer" waren. Um einen "reinen Dokumentationsroman" handelt es sich hier aber nicht, betont der Rezensent. Zitate aus verschiedenen historischen Quellen sorgen für einen abwechslungsreichen Tonfall, der durch ein "dichtes Gewebe an Leitmotiven" gestützt wir, die jedes der kurzen Kapitel "mit poetischer Energie aufladen". Missfeldts "schlichte und konzentrierte" Sprache kommt dem Thema nur zugute, lobt Bürger, "stilistische Virtuositätsbeweise" würden vom Autor bewusst und dankenswerter Weise unterlassen. Vielmehr versuche Missfeldt die Kriegsgeneration vorurteilslos zu begreifen und führt damit eines jener Experimente durch, "die nach 1968 selten geworden sind".
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