Jiri Hajicek

370m über NN

Roman
Cover: 370m über NN
Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2025
ISBN 9783792002858
Gebunden, 400 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert. Ein Dorfroman, der von der Schönheit einer Welt erzählt, die im Begriff ist, unterzugehen.Hana kehrt 2008, nach 15 Jahren, zu den Resten ihrer Heimat zurück. Das Dorf, in dem sich aufgewachsen ist, musste dem Wasser weichen. An seiner Stelle wurde ein See aufgestaut, der das Kernkraftwerk Temelín mit Kühlwasser versorgt. Hanna will allerdings nicht die Ruinen ihrer Jugend besichtigen, sondern einem Ereignis auf den Grund gehen, das ihre Familie entzweit hat. Mit ihr tasten wir uns durch Gespräche und Erinnerungen in die 80er und 90er Jahre zurück. Nach und nach werden die blinden Flecken der Familiengeschichte ausgeleuchtet. Gleichzeitig ersteht ein Panorama der dörflichen Lebenswelt in der spätsozialistischen Tschechoslowakei.Mit dem Voranschreiten der Planung des Stausees wird das Ende dieser Lebenswelt immer manifester. Durch den Stausee lösen sich Bindungen zwischen Menschen und ihren Tätigkeiten, ihren Erinnerungen und ihrer Umgebung auf. Letztlich wird eine kleinräumige Vollständigkeit zerstört, die beides enthält: Gutes und Böses. Denn das Dorf war eng und groß zugleich, und ebenso die Menschen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2025

Rezensent Tilman Spreckelsen sieht in Jiří Hájíčeks neuem Roman weit mehr als eine private Versöhnungsgeschichte. Wenn Hana nach fünfzehn Jahren in die böhmische Provinz zurückkehrt, geht es nicht nur um den Vater, der sagt: "Von Honza", Hanas Bruder, "werden wir hier ganz sicher nicht sprechen" - es ist für Hana vielmehr der Versuch, das Schweigen einer ganzen Epoche aufzuarbeiten, lesen wir. Die Figuren geraten in Konflikte um das geplante Atomkraftwerk Temelín, Hana und ihr Freund Zdeněk schließt sich Protesten an, übernachtet in für die Räumung vorgesehenen Dörfern und bewegen sich im Umfeld der neuen Anti-Atomkraft-Bewegung, erklärt der Kritiker. Erzählt wird im Präsens aus dem im 2006, durchzogen von Rückblenden bis 1983. So wird die Familiengeschichte zum Spiegel politischer Umbrüche: von der Agonie des Kommunismus bis zur "samtenen Revolution", die doch keine Wende bringt und für Hana die Erkenntnis, wegzuziehen. Ein Roman über Aufbegehren, Heimatverlust und bittere Einsicht, schließt der Kritiker. 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.06.2025

Ein "versöhnliches Buch" ist dieser Roman des Tschechen Jiri Hajicek, hält Rezensent Jörg Plath fest: Dorfroman trifft Schelmengeschichte. Die Protagonistin Hana, eine "seiltänzerische Erzählerin", reist als Vierzigjährige nach vielen Jahren wieder zurück in ihr Herkunftsdorf im südböhmischen Budweis, trifft dort ihren Vater und will endlich über die Dinge sprechen, die sich zwischen 1983 und 1992 ereignet haben, erfahren wir. In diesen Jahren ist ihr Bruder Honza sei verschwunden, sie und ihre Freunde protestierten mit einer Unterschriftenliste gegen den Bau eines Atomkraftwerks, die den Verantwortlichen aber nie übergeben wurde. Für den im Endeffekt dennoch realisierten Bau ist ein Stausee erforderlich, der die Hälfte des Dorfes überschwemmen würde. Plath fühlt sich an Siegfried Lenz erinnert, aber mit spannenden surrealistischen Elementen, wie etwa einem Spiel mit Namen aus Jaroslav Hašeks Roman "Die Abenteuer des braven Soldaten Švejk". Zudem überzeugt den Kritiker, wie Hajicek Erzählen von Dorfgeschichte als "Rettung vor dem immer dräuenden Verschwinden" versteht.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.06.2025

Mit "370m über NN" dürfte Jiri Hájícek vor allem in Tschechien einen "wichtigen Nerv treffen", vermutet Rezensentin Katharina Granzin. Doch auch als nicht tschechische Leserin scheint Granzin diesen politischen Coming-Of-Age-Roman durchaus mit Gewinn gelesen zu haben. Seine Geschichte über die Protestbewegung gegen die Planung und den Bau des größten tschechischen AKWs aus der Sicht eines Teenagers, der 16-Jährigen Hana als Coming-Of-Age Story zu erzählen, ist nur eine von mehreren ziemlichen klugen Entscheidungen des Autors, stellt Granzin fest. Ebenso "smart" findet die Rezensentin, wie der Autor sich eines wichtigen Motivs der tschechischen Kultur bedient: "Das Leben auf dem Dorfe". Aus der Sicht einer jungen Frau und vor dem historischen Hintergrund der "samtenen Revolution" in der Tschechoslowakei beschreibt er die Vertreibung aus dieser idealisierten Idylle. Dabei lässt seine beziehungsweise Hanas nüchterne Ich-Erzählung auf zwei Zeitebenen viel Raum für die Fantasie und die eigenen Erfahrungen der Lesenden, so die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 22.05.2025

In Jiri Hajiceks Roman "370 Meter über NN" reist die in den Niederlanden lebende Ich-Erzählerin Hana zurück ins tschechische Budweis, wohin die Familie umgesiedelt worden war, nachdem ihr Dorf in den 90ern durch den Bau eines Stausee zerstört worden war. Hana will die zwölf Menschen wiedersehen, die ihr wichtig waren, erzählt Rezensentin Olga Hochweis. In Rückblenden liest sie, wie Familien und Freundschaften durch die erzwungene Umsiedlung zerbrechen. Das ist unprätentiös und doch kraftvoll erzählt, lobt sie, und man erfährt zugleich aus dem Blickwinkel der Peripherie etwas über den Zusammenbruch des Kommunismus.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 26.04.2025

Rezensent Jörg Plath widmet diesem nachdenklichen Dorfroman des Tschechen Jiri Hajicek eine ausführliche Besprechung: Die "seiltänzerische Erzählerin" Hana ist in der 2008 angesetzten Rahmenerzählung mittlerweile 41 Jahre alt und seit 15 Jahren nicht mehr in ihrem Heimatdorf an der Moldau gewesen, wo sie als Jugendliche die Bäume nach Figuren aus Jaroslav Haseks "Soldaten Svejk" benannt hat. Mit einer Liste an Leuten, die sie aufsuchen will, reist sie zurück, erfahren wir: Darunter sind ihr Vater, ihr seit 1986 verschwundener Bruder, aber auch die Frau, die den Bau eines Atomkraftwerkes verantwortet, gegen das Hana und ihre Freunde in den Rückblenden in die 1980er protestieren. Der Realsozialismus spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Frage, was zu tun ist, wenn für das Kernkraftwerk ein Stausee gebraucht wird, der das Dorf überschwemmen könnte. Ein Onkel Hanas begeht zudem Suizid. Hajicek erscheint Plath hier als "Chronist von existenziellen Verwerfungen", der einen realistischen Heimatroman voller sinnlich-intensiver Atmosphäre, aber auch mit gelegentlichen Ausflügen ins Surreale geschrieben hat, der die Dorfgeschichtsschreibung auch dann weiter fortsetzt, als es das Dorf nicht mehr gibt.

Beliebte Bücher

Julian Barnes. Abschied(e). Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Julian Barnes: Abschied(e)
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Dorothee Elmiger. Die Holländerinnen - Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2025.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter…
Elias Hirschl. Schleifen - Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2026.Elias Hirschl: Schleifen
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Leila Slimani. Trag das Feuer weiter - Roman . Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Leila Slimani: Trag das Feuer weiter
Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…