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Masha Gessen

Esther und Rusja

Wie meine Großmütter Hitlers Krieg und Stalins Frieden überlebten
Cover: Esther und Rusja
Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN 9783446205833
Gebunden, 352 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber. Esther, eine chassidische Jüdin, und Rusja, eine Moskowiter Lehrerin, werden in den ersten Monaten des Zweiten Weltkriegs in Moskau Freundinnen. Ihre Herkunft könnte unterschiedlicher nicht sein. Esther hat den Einmarsch der Deutschen in Warschau erlebt, Rusja lebt seit Jahren in Angst vor dem stalinistischen Terror. Mit der Heirat ihrer Kinder entsteht eine ganz besondere Familie, die von der doppelten Erfahrung der Diktatur geprägt ist. Masha Gessen erzählt die Geschichte ihrer Großmütter - eine berührende Familiensaga über Freundschaft, Liebe und Überleben in den Zeiten der Diktatur.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2005

Rezensentin Gabriele von Arnim möchte auf die "Stimmen der Überlebenden" nicht verzichten, die den "abstrakten Schrecken" des 20. Jahrhunderts erst begreifbar machen. Umso mehr lobt sie Masha Gessen, die sich in ihrem Buch mit dem Leben ihrer beiden Großmütter beschäftigt. Die eine ist Russin, die andere Polin, beide jüdischen Glaubens und Freundinnen obendrein. Was sie unterscheidet ist die Tatsache, dass die eine "im Widerspruch zum Regime überlebt", die andere aber als Zensorin ausländischer Korrespondenten "im Maul des Löwen agierte". Die Kritikerin zeigt sich berührt von Masha Gessens Art und "Klugheit, kein Urteil zu fällen" und nicht von Verrat und Heldentum zu sprechen. Ihr gelinge es vielmehr, den Leser selbst zum Nachdenken anzuregen über "die eigenen Gewissheiten". So ist ein Buch entstanden, das eine "bewegende Geschichte" erzählt und die Rezensentin jubeln lässt: "Was für ein schönes Ergebnis von Lektüre."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.10.2005

Beeindruckt zeigt sich Rezensentin Elke Nicolini von diesem "lesenswerten, gedanken- und faktenreichen" Buch, in dem Masha Gessen das Leben ihrer beiden Großmütter in der Sowjetunion schildert. Wie Nicolini berichtet, emigrierte die heute 37-jährige Journalistin und Übersetzerin 1981 in die USA und kehrte 1994 nach Moskau zurück, um ihre Großmütter Esther und Rusja zu befragen. In vorliegendem Buch erzähle sie die Geschichte des leidvollen und kämpferischen Lebenswegs der beiden jüdischen Frauen, der zunächst von Hitlers Krieg und dann vom stalinistischen Antisemitismus der Sowjetunion geprägt war. Nicolini lobt Gessens Schilderungen für ihre "Wärme und Anteilnahme", aber auch für ihre "sachliche Distanz". Ihre Darstellungen ergänze Gessen durch historische Erkenntnisse und Reflexionen zu ethischen Fragen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2005

Ein "berührendes Dokument über den Alltag der sowjetischen Juden" sieht Rezensentin Sabine Berking in Masha Gessens Buch über das Schicksal ihrer Großmütter Esther und Rusja in der Sowjetunion. Sie berichtet über die Entstehung des Buchs. So ließ sich Gessen, eine amerikanische Journalistin, die 1981 als Dreizehnjährige mit ihren Eltern aus Moskau in die Vereinigten Staaten emigrierte, in den neunziger Jahren von ihren noch immer in Russland lebenden Großmüttern deren Lebensgeschichten erzählen, sie recherchierte in Archiven des NKWD und studierte Bücher über den Holocaust und Stalins Deportationen. Ihr nun vorliegendes Buch dokumentiere die "demütigende Gratwanderung zwischen Diskriminierung und Anpassung, zwischen Hoffnung und Angst, zwischen sowjetischem Patriotismus und dem Dasein als Paria", denen Esther und Rusja als Jüdinnen in der Sowjetunion ausgesetzt waren. Berking lobt Gessens Darstellung als ebenso lakonisch wie empathisch für seine Heldinnen. Die Autorin berichte "unpreziös" über das Leben und Überleben in Zeiten der Finsternis, über Zivilcourage und über die Qualen, in der Hölle einer Diktatur "anständige" Kompromisse zu schließen. Wichtig erscheint ihr das Buch auch, weil über die sukzessive Vernichtung jüdischer Kultur und Sprachen in der Sowjetunion bisher wenig bekannt ist.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.04.2005

Ulrich M. Schmid charakterisiert Masha Gessen als Vertreterin eines aussterbenden Genres: der "litterature engagee". Will heißen: Sie bewertet nach moralischen Kriterien, sie hat die Wahrheitssuche nicht an den relativistischen/zweiflerischen Nagel gehangen, und sie stellt die literarische Form in den Dienst dieser Suche. Trotzdem ist ihr Buch höchst persönlich und somit auch dort subjektiv, wo es das Richtige vom Falschen zu trennen versucht. Gessens Leistung, macht Schmid klar, besteht gerade darin, dass sie das eine nicht gegen das andere ausspielt, und dass sie einerseits aus dem Lebens- und Überlebenskampf ihrer beiden Großmütter unter dem Joch von Krieg und Stalinismus keine Heiligengeschichte macht, dass sie aber auch andererseits moralisches Versagen nicht mit distanzierter Strenge verurteilt. Oder darin, dass sie die Tätigkeit ihres Urgroßvaters im Judenrat des Bialystoker Ghettos als Suche nach einem "anständigen Kompromiss" zwischen "Anpassung und Auflehnung" verständlich macht, zugleich aber deutlich zeigt, dass ein solcher Kompromiss nicht möglich sei. Mit anderen Worten: Sie gibt weder Einfühlsamkeit noch Urteilskraft auf - sie stellt "die entscheidenden Fragen... ohne eilfertig eine schematische Antwort zu präsentieren".