Jens Malte Fischer

Jahrhundertdämmerung

Ansichten eines anderen Fin de siecle
Cover: Jahrhundertdämmerung
Zsolnay Verlag, Wien 2000
ISBN 9783552049543
Gebunden, 319 Seiten, 23,01 EUR

Klappentext

"Kein Gegenwartssinn", lautete vor 100 Jahren die Diagnose Hugo von Hofmannsthals für sein Fin de siecle. Jens Malte Fischer umkreist die kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Perspektiven jener Zeit im Umbruch: Die Großstadterfahrung mit ihrer Wohnkultur kommt darin ebenso ins Blickfeld wie das Musiktheater, das bedrückende Phänomen des Antisemitismus und die Reaktion darauf. Im Zentrum steht Gustav Mahler, allerdings weniger als genialischer Komponist denn als seismographische Persönlichkeit, die das unterirdische Beben der Epoche verspürte. Das Spektrum von Fischers Buch reicht vom europäischen Zeitgefühl der Decadence bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs; und der Autor versucht, die heute nach wie vor schwerverständliche Haltung so vieler Künstler und Intellektueller zu Beginn des Völkermordens zu erklären.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.11.2000

"Viel ist über diese Jahre gesellschaftlicher Auf- und Zusammenbrüche geschrieben worden" informiert Wilhelm von Sternburg kurz über das Fin de siècle, und Jens Malte Fischer weiß für ihn dennoch Neues und "Kluges" darüber zu berichten. Ihm gehe es vor allem um die "Auswirkung dieser Epoche auf die `deutsch-jüdische Symbiose`" und ihre Bedrohung zwischen Décadence und Rassismus. Wagner ist dabei, Oscar Wilde und Gustav Mahler.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.09.2000

Beim Vergleich unseres gerade überstandenen Fin-de-Siècle mit dem vor 1900 schneiden wir, nach der vereinten Diagnose von Jens Malte Fischer und Albert von Schirnding, der das Buch sehr zustimmend rezensiert, bestürzend schlecht ab. Wir haben "Naturzerstörung, plattesten Materialismus, Primitivität, Vulgarität und Banalität". Vor hundert Jahren gab`s das zwar auch schon, aber da war es wenigstens noch Ehrensache, sich zu entschiedener Gegnerschaft zu den Zeitphänomenen zu bekennen. Denn Gustav Mahler und Karl Kraus "waren muskulöse Schwimmer". Mahler, so von Schirnding, sei ohnehin die Hauptfigur des Buches, und zwar als "seismographisches Genie". Großartig sei das Buch aber auch darin, interessante Unbekannte der Zeit um 1900 aufzuspüren, etwa Christian von Ehrenfels, der 1882 zu Fuß von Wien nach Bayreuth kam, um die Uraufführung des Parsifal mitzuerleben.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2000

Andreas Platthaus ist über dieses Buch geteilter Meinung. Einerseits gefällt ihm der angenehm zu lesende Stil des Autors und sein Geschick, "Anekdoten mit Analysen zu paaren". Auch dass es Fischer gelingt, selbst bei allgemein gut erforschten Personen noch "ein Gran Unbekanntes" aufzuspüren, nötigt ihm einiges an Respekt ab. Allerdings stört den Rezensenten, dass man dem Buch anmerkt, dass es aus mehreren Einzelarbeiten zusammengestellt worden ist. Dies merke man zu deutlich, insbesondere an den zahlreichen Wiederholungen. Auch inhaltlich gibt es einige Aspekte, die den Autor verwundern. So zum Beispiel die Tatsache, dass Fischer zwar Dinters Roman "Die Sünde wider das Blut" ausgiebig bespricht, jedoch nicht Célines "Die Judenverschwörung in Frankreich" von 1938, was dem Rezensenten als das wesentlich bedeutendere erscheint. Auch dass Fischer ausgerechnet Rudolf Borchardt als Beispiel für "jüdischen Selbsthass" anführt, obwohl dieser "sich niemals als Jude gefühlt" habe, verwundert Platthaus spürbar. Nicht zuletzt kritisiert der Rezensent die Angewohnheit Fischers, sich hinter vagen Formulierungen zu verstecken (`fast völlig exakt`, `scheint wirklich gewesen zu sein`). Dabei habe Fischer es gar nicht nötig, "bei jeder starken These eine Rückversicherung zu suchen".