Franz Blei

Erzählung eines Lebens

Cover: Erzählung eines Lebens
Zsolnay Verlag, Wien 2004
ISBN 9783552053106
Gebunden, 527 Seiten, 25,90 EUR

Klappentext

Mit einem Nachwort von Usula Pia Jauch. Eine einzige Berufsbezeichnung für Franz Blei (1871 bis 1942) anzugeben, ist unmöglich. Am wichtigsten von seinen vielen Betätigungsfeldern war vielleicht seine Rolle als Entdecker und Vermittler von Autoren, die für die deutschsprachige Literatur in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts von Bedeutung sind, wie etwa Rilke, Musil, Robert Walser, Hofmannsthal, Wedekind oder Kafka. Hiermit erscheint eine Ausgabe seiner 1930 veröffentlichten und seither nicht mehr aufgelegten Lebenserinnerungen, die unter anderem von seiner Kindheit im Wien des Fin de Siecle oder von seinen außerordentlichen Begegnungen und Erlebnissen in München und Berlin erzählen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2005

Wolfgang Schneider findet Franz Bleis Autobiografie zwar ein bisschen "sperrig", fühlt sich nach eigenem Bekunden aber dennoch nach der Lektüre "reichlich belohnt". Blei, Entdecker von so wichtigen Autoren wie Kafka, Musil und Broch, zeigt sich besonders im ersten Teil seiner Lebenserinnerungen als "außerordentlich sensitiver Erzähler", lobt der Rezensent, der findet, dass die frühesten Erinnerung an die Kindheit in diesem Buch am "intensivsten" geschildert sind. Zu "einem der schönsten Kapitel" gehört für den begeisterten Schneider die Darstellung von Robert Walser, den Blei ebenfalls früh entdeckt und gefördert hat. Doch "rund" ist dieses Buch keineswegs, gibt der Rezensent zu, denn im zweiten Teil wird die "autobiografische Erzählung verweigert", obwohl er sicherlich viel zu sagen hätte, wie der Rezensent bedauernd vermutet. Insbesondere schade findet er die Zurückhaltung bezüglich Bleis amouröser Eskapaden, die seine Ehe zum Scheitern brachten und wundert sich über den "unbeherzten thematischen Zugriff", wo er doch sonst bekanntermaßen "kein bisschen zimperlich" war. Dagegen ist der Autor als Porträtist seiner Zeitgenossen geradezu "begnadet", schwärmt Schneider, der Bleis Porträts von Rudolph Borchardt oder Eduard von Keyserling wegen ihrer "lakonischen Psychologie" preist. Zugegeben: stilistisch ist dem Rezensenten dieses Buch wegen seines mitunter merkwürdigen Satzbaus und seiner "schrulligen" Ausdrucksweise zu behäbig und er bemerkt beim Autor einen gehörigen Mangel an "lebemännerischer Leichtigkeit", die dem Menschen Blei doch nachgesagt wurde. Insgesamt aber hat er die Lebenserinnerungen des 1942 in einem New Yorker Armenkrankenhaus gestorbenen Verlegers mit Genuss und Gewinn gelesen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.01.2005

Hocherfreut zeigt sich Oliver Pfohlmann über diese Autobiografie "Erzählung eines Lebens" von 1930, die Franz Blei "at his best" biete. Er würdigt den heute weitgehend vergessenen, von Gerüchten umgebenen, dandyhaften Literaten als "bedeutendsten Literaturvermittler der literarischen Moderne", der nicht nur Robert Walser, Broch, Kafka, Musil und viele vergessene Dichter wie Moritz oder Lenz entdeckte, sondern auch Verleger wie Samuel Fischer, Kurt Wolff und Ernst Rowohlt beriet und bereits vor dem Krieg ein europaweites literarisches Netzwerk knüpfte. Aus Geldnot habe sich der knapp sechzigjährige Blei daran gemacht, sein Leben zu erzählen. Zum Glück, befindet Pfohlmann, denn Bleis Reflexions- und Erzählkünste lassen seines Erachtens "noch den Skeptiker des Genres" staunen. Das Kapitel über das "süße Mädel", das dem 16-Jährigen einst die Unschuld verlieren half, bildet für Pfohlmann nicht nur einen Höhepunkt des Buches, sondern auch der erotischen Literatur. Am meisten hat ihn die Figur des Vaters fasziniert, den Blei warmherziger zeichne als seine Mutter, obwohl dieser die beiden in Stich gelassen hatte. Wie Pfohlmann berichtet, war Blei als Strippenzieher zwar überall dabei war, seine eigenen literarischen Ambitionen fruchteten jedoch wenig, was er mit selbstlosem Engagement für andere kompensierte. Symptomatisch für Blei erscheint Pfohlmann auch, dass die zweite Hälfte seiner Autobiografie mit den Jahren nach 1900 in eine "disparate Ansammlung" von "mal mehr, mal weniger lesenswerten Porträts" zerfalle und Blei fast nur noch von Weggefährten erzähle.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.11.2004

Als "beredeter Verschweiger" gebe sich Franz Blei (1871-1942) in seiner neu aufgelegten Autobiografie "Erzählung eines Lebens", befindet Rezensent Franz Haas. Blei habe viel zu sagen, er schreibe sogar noch ein bisschen mehr, aber nur wenig über sich selbst. Dementsprechend sieht Haas in dem Buch weniger ein Selbstporträt als einen "raffiniert zurückhaltenden Abgesang auf eine Epoche". Doch Blei sei nicht nur als "gnadenlos guter" Porträtist und "haargenauer Kritiker", als Förderer und Entdecker von Walser, Kafka, Musil, Bloch zu bewundern. An einigen Stellen seiner Memoiren zeige er sich auch als "großer Erzähler", wenn auch "meist flüchtig und offenbar ungern, aber unverkennbar". Bleis Schilderung seiner Zürcher Jahre zählt Haas zu den "kulturhistorisch wertvollsten Seiten" des Buches. Den Höhepunkt des Buches aber sieht er in der Beschreibung der lebhaften Jahre in München, wo sich Blei 1900 niederließ. "Er wird zum Promotor in allen literarischen Gassen, ein Spürhund und Dandy, gründet und wechselt Zeitschriften, verbraucht Frauen und das väterliche Erbteil, schreibt, übersetzt, polemisiert und posiert mit stupender Energie." Mit dem Glanz der Münchner Jahre ende das Buch eigentlich, der Weltkrieg und die Wiener Wirren danach kämen nur noch am Rand vor. Die zweite Hälfte des Buches bestehe zum guten Teil aus Porträts von Zeitgenossen wie Wedekind, Walser, Kubin, Bahr, Gide, Musil, die zusammen ein "scharfes Panorama der Epoche" ergeben. Ein großes Lob zollt Haas dem "brillanten Nachwort", das Ursula Pia Jauch zur Neuausgabe beigesteuert habe, und das den dicken Band "noch gewichtiger" mache.