Jegana Dschabbarowa

Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt

Roman
Cover: Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025
ISBN 9783552075917
Gebunden, 144 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Maria Rajer. "Ein unverheiratetes, unschuldiges Mädchen lässt sich leicht von einer verheirateten Frau unterscheiden: Der erste und wichtigste Unterschied sind die Augenbrauen." Die aserbaidschanische Community, die in Russland in der Diaspora lebt, ist streng konservativ. Schon als Kind kann sich die Erzählerin schwer in die patriarchale muslimische Gesellschaft einfügen. Eine Krankheit drängt und befreit sie zugleich aus ihrer Rolle der schönen, heiratsfähigen Tochter.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.01.2026

Jegana Dschabbarowa hat Russland als Angehörige der aserbaidschanischen Diaspora 2024 verlassen, zu gefährlich wurde es für sie als Lesbe, Feministin und Aktivistin, lernt Rezensentin Carola Ebeling, die sich mit der Autorin getroffen hat. Ihr Debütroman ist autobiografisch beeinflusst, Autorin wie Ich-Erzählerin erfahren Rassismus in Russland und fühlen sich nirgendwo zugehörig, lesen wir. Das Besondere des Romans: Dschabbarowa erzählt ihren Roman vom Körper aus, jedes Kapitel ist mit einem Körperteil bezeichnet. Sie begründet das zum einen mit der Exotisierung ihres Körpers als Angehörige einer Minderheit, zum anderen mit einer neurologischen Erkrankung, die die Kontrolle darüber erschwert, wie Ebeling erklärt. Die Kritikerin bemerkt, dass Dschabbarowa anhand der Körperteile auch die patriarchale Unterdrückung sichtbar macht: So wird der Mund nicht nur zum Kommunikationsmedium, sondern Ort des Schweigens und der Fremdkontrolle. "Weit entfernt von Bitterkeit" findet hier das Verdrängte Raum, schließt sie.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2025

Jegana Dschabbarowa, aufgewachsen als Tochter einer aserbaidschanischen Familie in Russland, beschreibt in ihrem Romandebüt den Körper als "Austragungsort sozialer Unterdrückung", erklärt Rezensentin Ilma Rakusa - oder sollte man präziser sagen: sie "entschreibt" diesen Körper? Ihr Text nämlich stellt auch einen Befreiungsakt dar, eine Befreiung von rassistischen und sexistischen Zuschreibungen, so Rakusa. Frauen haben in der patriarchalen Ordnung, in der Dschabbarowas Protagonistin aufwächst, nicht zu schreiben, wie der Titel schon andeutet, sondern zu schweigen, ihre Körper gehören dem Mann und der Familie. Hinzu kommt der Rassismus der russischen Mehrheitsgesellschaft. Doch die Heldin verweigert sich, lesen wir, zuerst indem sie sich mit Büchern befasst, schließlich verweigert sich auch ihr Körper, in dem er krank wird, seine Muskeln gelähmt werden. Dschabbarowa erzählt von dieser "doppelten Emanzipation" sehr sinnlich, und frei von Larmoyanz, lobt Rakusa, in jener Sprache, dem Russischen, die für sie Gift war, durchs Erzählen aber zum Antidot werde. Nach diesem beeindruckenden, poetischen Erstling ist die Rezensentin gespannt auf das weitere Schaffen dieser Autorin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 19.09.2025

Rezensent Nico Bleutge liest mit Jegana Dschabbarowas "Die Hände der Frauen..."  einen "raffiniert" gebauten Roman über Diskriminierung und Entrechtung - als Frau in einer patriarchalen aserbeidschanisch-muslimischen Gesellschaft und als "Fremde" im Russland der Nachwendezeit. Wie in dieser Gesellschaft Körper wahrgenommen, kategorisiert und geformt werden, wie sich Erfahrungen von Unterdrückung und Ausgrenzung in die Körperlichkeit einschreiben, davon erzählt Dschabbarowa in einer Prosa, die von ihrer Präzision lebt und svon subtiler Ironie, lobt der Rezensent. Dabei bewegt sich die Autorin laut Bleutge nicht chronologisch durch die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin, mit der Dschabbarowa übrigens nicht nur den Namen gemein hat, stattdessen springt sie zwischen den Zeiten, erzählt mal aus der Nähe, mal aus größerer Distanz, aber immer eng am Körper entlang: Jedes ihrer Kapitel ist einem Körperteil gewidmet, erklärt Bleutge, so zeichnet Dschabbarowa Stück für Stück ein genaues Bild des unterdrückten Körpers, der sich jedoch am Ende genau so ein Stück Freiheit verschafft - durch das Erzählen, durch Sprache, so der berührte Kritiker.

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