Dass Melancholie eine Geschichte hat, die immer auch eine Geschichte ihrer Therapie und somit ihrer Überwindung ist, wird meist vergessen. Seit der Antike im Zwischenraum der Episteme angesiedelt, schwankt sie zwischen Passionen, Todsünden, Krankheit, Wahnsinn und Literatur. Mit seiner Melancholie-Studie an den Grenzen der Diskurse schreibt Starobinski darum moderne Epistemologie: Die Geschichte der Melancholiebehandlung erweist sich als Geschichte des Entzugs.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2011
Der Rezensent begrüßt den Versuch, Jean Starobinskis medizinhistorische und humanwissenschaftliche Arbeiten aus dem Schatten seiner philosophischen Studien zu befreien. Starobinskis methodologische Unbefangenheit, seine Neigung zu Querbezügen, findet Andreas Mayer durchaus originell, wie etwa das in diesem Band enthaltene Kapitel über musikalische Therapieverfahren in der Melancholiebehandlung. Wie auch Starobinskis Verzicht auf große Thesen deutet Mayer es als Bescheidenheit und Unterscheidungsmerkmal (im Vergleich etwa zu Foucault). Ungehalten macht ihn, dass die vorliegende Überarbeitung der alten, von Johannes Oeschger besorgten Übersetzung durch Cornelia Wild die subtilen Ansätze und stilistischen Besonderheiten des Autors eher verwischt denn getreu abbildet. Für künftige Ausgaben wünscht er sich dringend einen weniger sorglosen und weniger sinnentstellenden Umgang mit diesem Autor.
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