Julia Schreiner

Jenseits vom Glück

Suizid, Melancholie und Hypochondrie in deutschsprachigen Texten des späten 18. Jahrhunderts. Diss.
Cover: Jenseits vom Glück
Oldenbourg Verlag, München 2003
ISBN 9783486567342
Gebunden, 323 Seiten, 49,90 EUR

Klappentext

Phänomene "jenseits vom Glück" hatten im späten 18. Jahrhundert Konjunktur: Mit Melancholie, Suizid und Hypochondrie beschäftigte sich in den letzten Dekaden vor 1800 eine wahre Flut von Schriften. Ein eingehender Blick auf die "dunklen" Seiten der Aufklärung lohnt sich also; auch wenn (oder: gerade weil) die Forschung bisher eher die strahlende Seite des "Zeitalters des Lichts" in den Mittelpunkt rückte. Beide Seiten, die dunkle und die strahlende, sind untrennbar miteinander verbunden. Denn das große Interesse, das man den düsteren, unglücklichen Themen im späten 18. Jahrhundert entgegenbrachte, offenbart grundsätzliche Denkweisen in dieser Zeit. Anders herum gilt jedoch auch: Die zeitgenössischen Bedeutungen von Suizid, Melancholie und Hypochondrie können nur entschlüsselt werden, wenn man sich umfassend auf die Gedankenwelt des späten 18. Jahrhunderts einlässt. In ihrer interdisziplinären und diskursanalytischen Ausrichtung leistet Schreiners Arbeit einen Beitrag zur Kultur- und Geistesgeschichte des späten 18. Jahrhunderts.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2004

Keine neue Großthese zum Epochenwandel um 1800 wollte Julia Schreiner mit ihrer Dissertation vorlegen, informiert Michael Adrian, sondern eine Detailstudie, die sich den Querverbindungen zwischen bereits erforschten Phänomenen wie Hypochondrie, Melancholie und Selbstmord widmet. Eine Arbeit also, die sich an Foucaults Diskursanalyse orientiere und zwischen so verschiedenen Disziplinen wie Medizin, Theologie, Jura, Philosophie und Anthropologie lustwandele, so Adrian. Obwohl Schreiner der "Erfahrungsseelenkunde" im ausgehenden 18. Jahrhundert großen Raum einräume, präsentiere sich diese Epoche hauptsächlich unter somatischen Vorzeichen, staunt Adrian. Der Untersuchung gelänge es in mehrfacher Hinsicht zu zeigen, lobt der Rezensent in Folge, wie sich die Menschen damals bemühten, Geistiges auf körperliche Ursachen zurückzuführen. Ironischerweise, merkt er an, führte die einsetzende Selbstbeobachtung auch zu vermehrter Hypochondrie. So weit stimmt der Rezensent der Autorin bei, dass aber die Hypochondrie das Signum des späten 18. Jahrhunderts gewesen sein soll, stellt er in Frage und macht hierfür das methodologische Vorgehen Schreiners verantwortlich, die sich auf historische Sachverhalte außerhalb eines Textes nicht einlasse.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.08.2003

Warum sich Rezensentin Franziska Meier dieser Dissertation überhaupt angenommen hat, bleibt ein wenig rätselhaft. Sie kann an Julia Schreiners Studie über die sich im späten 18. Jahrhundert wandelnde Wahrnehmung von Selbstmord, Melancholie und Hypochondrie nämlich gar nichts finden. Der Sachverhalt sei eigentlich hinreichend klar, die Quellen bekannt, das Terrain abgesteckt. Am meisten stört sich die Rezensentin aber an der "zeitsymptomatischen Selbstinszenierung" der Autorin, die sich in ihrer diskursanalytischen Argumentation und einem etwas verquast-wissenschaftlichen Jargon verheddere. Schließlich findet die Rezensentin Schreiners Fazit irritierend widersprüchlich: Einerseits habe es zum Ende des 18. Jahrhunderts gar keine von Werther angeregte Selbstmordwelle gegeben, andererseits gebe es keine Wirklichkeit außerhalb der Texte. "Allein damit ist der Leser so klug als wie zuvor", schreibt Meier.