Jean Hatzfeld

Plötzlich umgab uns Stille

Das Leben des Englebert Munyambonwa
Cover: Plötzlich umgab uns Stille
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2016
ISBN 9783803127518
Kartoniert, 112 Seiten, 9,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Ahlrich Meyer. Ohne Unterlass durchstreift Englebert Munyambonwa, ein sechsundsechzig-jähriger Tutsi, die Straßen und Kneipen von Nyamata im Süden Ruandas - stets einen Witz auf den Lippen, ständig in Bewegung. Im Gehen weiche er der Schwarzseherei aus, sagt er. Er wolle sich nicht mehr erinnern. Doch nach ein paar Bier und aus Freundschaft zu dem französischen Journalisten, mit dem er so gern plaudert, beginnt Englebert zu erzählen: von einem Leben voller Brüche und Neuanfänge, von den ersten Verfolgungen durch Hutu in den sechziger Jahren und von den Hoffnungen junger afrikanischer Intellektueller. Immer wieder flammt der Hass zwischen Hutu und Tutsi auf und treibt Englebert mit seiner Familie zur Flucht. Und immer wieder kehren sie zurück - bis zum Massaker von Nyamata, bei dem 1994 mehr als 45.000 Menschen niedergemetzelt werden.
Englebert überlebt in den Sümpfen, vier Wochen lang, jeden Tag aufs Neue bedroht. Kaum jemand hat sich der Aufarbeitung des Genozids in Ruanda derart verschrieben wie der französische Journalist und Romancier Jean Hatzfeld. Bei seinen Recherchen in Nyamata lernte Hatzfeld auch Englebert kennen. Nun leiht er ihm seine Stimme - für das dieses Porträt eines Lebens und der ausweglosen Flucht vor der Erinnerung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2016

Jürg Altwegg kennt den Anlass, der den französischen Kriegsreporter Jean Hatzfeld dazu antreibt, Bücher über den Völkermord in Ruanda zu schreiben, in denen Täter, Opfer und deren Kinder vorkommen. Für Hatzfeld hat der Journalismus in diesem Fall versagt, weil er die schweigenden Tutsis überhaupt nicht wahrgenommen hat, weiß Altwegg. In Hatzfelds viertem Buch geht es laut Altwegg um eine einzige Person, Englebert Munyambonwa, der dem Reporter von seiner Familie berichtet, von den Diskriminierungen, dem Tod von Angehörigen, den Prozessen und wie er seitdem lebte, desillusioniert, schicksalsergeben, saufend. Für den Rezensenten Gelegenheit, Hatzfeld kennenzulernen und den Zorn auf sein Land, das die Hutus mit Waffen belieferte.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.07.2016

Rezensent Cornelius Wüllenkemper liest Jean Hatzfelds Bericht über den Genozid an den Tutis in Ruanda im Sommer 1994 mit Grauen. Was dort vor sich ging, meint er, entzieht sich der menschlichen Vorstellungskraft. Umso willkommener scheint ihm Hatzfelds Versuch, mittels der Erinnerung eines Überlebenden und Ausflügen in die Vorgeschichte ein verdichtetes Bild des Geschehens und einen Blick auf die Veränderung des Einzelnen unter dem Eindruck kollektiver Gewalterfahrung zu werfen. Angst und Verdrängung werden für Wüllenkemper im unkommentierten Zeugenbericht sichtbar, der für ihn zum Besten des Buches gehört. Wucht aber entfaltet auch dessen Montage mit Hatzfelds Erkundungen, meint der Rezensent, der Frage etwa, wie man über menschliche Tragödien spricht und wie man mit ihnen weiterlebt.

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