Gael Faye

Jacaranda

Roman
Cover: Jacaranda
Piper Verlag, München 2025
ISBN 9783492073974
Gebunden, 272 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große. Milan ist ein ganz normaler Junge aus Versailles. Bis zu dem Tag, an dem Claude auftaucht, ein Verwandter seiner Mutter aus Ruanda. Als Claude wieder verschwindet, lässt Milan die Erinnerung an den kleinen "Bruder" nicht mehr los. Warum hat die Mutter ihn nie erwähnt, warum kennt Milan Ruanda nur aus den Abendnachrichten? Erst als junger Mann reist er nach Kigali, freundet sich wieder mit Claude an und dem undurchsichtigen Sartre. Reise um Reise beginnt Milan das Familiengeheimnis aufzudecken, begreift, dass sich Ruanda noch immer vom Völkermord an den Tutsi erholen muss. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 06.11.2025

Der Genozid in Ruanda durchzieht die Gesellschaft nach wie vor, auch unter jenen, die nach 1994 geboren sind und genau diese Tatsache beschäftigt Gael Faye auch in seinem Roman, erklärt Rezensentin Sigrid Brinkmann. Anhand dreier Protagonisten beschäftigt er sich mit der schweren Hypothek, die diese Geschichte bedeutet, Stella entzieht sich der Mutter, die bei einem Pogrom vier ihrer Kinder verloren hat, Claude ist selbst Überlebender, Milan, der Ich-Erzähler, ist in Versailles aufgewachsen, will aber als Jurist zurück nach Ruanda, erfahren wir. Klug und mit "großem Feingefühl" verwebt Faye laut Brinkmann die verschiedenen Erfahrungen zwischen Frankreich und Ruanda, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Trauma und Bewältigung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.10.2025

Wenig anfangen kann Rezensentin Sigrid Löffler mit Gaël Fayes zweitem Roman. Der beschäftigt sich, so Löffler, mit dem Völkermord in Ruanda, und zwar, indem er sich dessen Nachkriegsgesellschaft widmet. Die Hauptfigur Milan lebt, wird zunächst der Inhalt zusammengefasst, anfangs in Frankreich, seine Tutsi-Mutter will nichts mehr von der Vergangenheit wissen, Milan selbst siedelt irgendwann nach Ruanda um, auch wenn ihm einiges an der dortigen Gesellschaft nicht passt. Die brutale Vergangenheit dringt vor allem über zwei weitere Figuren in die Geschichte, Claude und Stella, die auf jeweils unterschiedliche Art den Völkermord aufarbeiten. In allerdings, ärgert sich Löffler, banal unliterarischer Wikipedia-Manier. Fast noch mehr als an der wenig aufregenden Form stört die Rezensentin sich an der versöhnlerischen Tendenz des Buches, Faye wendet sich gegen Rachebedürfnisse und konstruiert harmonische literarische Lösungen für die beschriebenen Konflikte. Das ist Löffler letztlich alles ein bisschen zu einfach gedacht.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 08.09.2025

Rezensent Dirk Fuhrig liest bei dem ruandisch-französischen Schriftsteller Gael Faye die Geschichte von Milan, die zu Recht für den Prix Goncourt nominiert war. Milan fliegt als Jugendlicher zum ersten Mal nach Ruanda, um etwas über seine Familiengeschichte zu erfahren, die eng mit dem Genozid 1994 zusammenhängt. Diese Reise hilft dem Protagonisten, sich näher mit den Geschehnissen auseinanderzusetzen und wirft Fragen danach auf, wie erfolgreiche Vergangenheitsbewältigung aussehen kann. Dazu bringt Faye, der mittlerweile wieder in Ruanda lebt, auch eigene Erfahrungen ein, erklärt der Kritiker. Für diesen "feinsinnigen" Roman habe er einen analytischen Ton gewählt, manchmal fast didaktisch. Das ermöglicht dem Kritiker aber auch, das Buch als differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema zu lesen, bei dem der Jacaranda-Baum , der "wunderschöne violette Blüten" hat, als Symbol für die Erinnerung steht. Mitreißend und in jeder Hinsicht empfehlenswert, so das Urteil. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2025

Einen starken neuen Roman legt Gaël Faye Rezensentin Lena Seauve zufolge vor. Ein weiteres Mal widmet sich der Autor darin dem Genozid in Ruanda, wobei er anders als in seinem gefeierten Erstling "Kleines Land" einen indirekten Zugang wählt. Denn die Hauptfigur, Milan, lebt während den Massakern nicht in Ruanda, sondern in Frankreich, sein Vater ist Franzose, seine Mutter eine Tutsi. Vom Völkermord erfährt er zunächst, fasst Seauve zusammen, übers Fernsehen und außerdem durch Claude, einen Jungen, der in Ruanda Schlimmes erlebt hatte und der zeitweise bei Milans Familie unterkommt. Ein wichtiges Thema des mit autobiografischen Versatzstücken arbeitenden Buches ist laut Seauve transkulturelle Identität. Milan orientiert sich später im Leben weg von Frankreich und hin zu Ruanda, wobei der Genozid und auch das Schweigen seiner Mutter über denselben für sein Verhältnis zum Land zentral bleibt. Das Geheimnis der trotz einer eher simplen, von Andrea Alvermann und Brigitte Große gut übersetzten, Sprache einnehmenden literarischen Form könnte mit der Lakonie zu tun haben, in der der Autor schreckliche Ereignisse zu verpacken versteht. Und die, schließt die ausgesprochen positive Besprechung, die Gewalt nie zu sehr dominieren lässt.