Javier Marias

Der Gefühlsmensch

Roman
Cover: Der Gefühlsmensch
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003
ISBN 9783608934373
Gebunden, 188 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Ein berühmter Opernsänger, der "Löwe von Neapel", studiert in Madrid den »Otello« von Verdi ein. Und dabei erinnert er sich an eine Geschichte, die vor vier Jahren passiert ist. Ihre Protagonisten sind die geheimnisvolle, schwermütige Natalia Manur; ihr Ehemann, der Banker Manur; der durch nichts zu erschütternde, beflissene Dato, ein Begleiter von Berufswegen. In ihrem Dunstkreis bewegen sich einige weitere Personen: eine hastige Hure, eine abgetakelte Opernsängerin, ein skrupulöser Witwer, eine alte Liebe. Es ist die Geschichte einer Leidenschaft, die bis zum Äußersten getrieben wird; die Geschichte eines Gefühlsmenschen, der ein Künstler oder ein Philosoph zu sein scheint, im Gegenteil jedoch ein Mann der Tat ist...

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.05.2003

Ein früher Javier Marias, der Hans-Peter Kunisch sehr bewegt hat; "hier ist", schreibt er, "schon alles da, was Marias bekannt gemacht hat, und es ist gut, dass man es wieder lesen kann" - nicht mehr, vor allem aber nicht weniger als das. Man dürfe bei Marias nicht nach originellem Stoff suchen; er sei eher die "Sorte mittelalterlicher Mönch, dem beim Abschreiben der Handschriften fad wird und der sie nach anfänglichen, an den Rand gekritzelten Kommentaren zu verändern beginnt". Hier ist es laut Kunisch die Dreiecksgeschichte von zwei Männern und einer Frau, die variiert werde: ein belgischer Geschäftsmann, seine spanische Frau Natalia und der Ich-Erzähler, ein erfolgreicher Tenor. Der Belgier, zu Beginn noch ein unwahrscheinlicher Kandidat für die Rolle des Titelhelden, stellt sich als der "Gefühlsmensch" heraus, doch Natalia verlässt ihn - und am Ende auch den Tenor, zu dem sie übergewechselt war. Es gehe, schreibt Kunisch, nicht um die gelebten Beziehungen, nicht um eine "Ehezustandsbeschreibung", sondern um den "Moment des Übergangs" von einer Geschichte zur anderen. Und um die Erinnerung, aus der in den Sekunden nach einem morgendlichen, traumschweren Erwachen im Kopf des Erzählers ein ganzer Roman wird. Der jetzt wieder auf Deutsch lieferbar ist.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.05.2003

Martin Krumbholz stellt fest, dass der Autor mit seinem Roman, der bereits 1986 entstanden ist, aus dem tragischen "Otello" von Shakespeare und Verdi eine "Burleske" gemacht hat. Die Geschichte um einen Bankier, seine gelangweilte Frau und einen Opernsänger, der mit ihr eine Affäre beginnt, ist allerdings "trivialer" als die Vorlage, räumt der Rezensent ein, wobei er lobt, dass Marias aber "durchaus spannend" erzählen kann. An diesem Roman sieht er bereits das angelegt, was er bei späteren Büchern des spanischen Autors zur "Perfektion (und zur Manier)" getrieben findet, nämlich das Hauptgewicht nicht auf die Handlung, sondern auf ihre "dramatische Inszenierung" zu legen. Letztlich handelt es sich bei aller dramatischer Entwicklung um "triviale Inhalte", die aber sehr "virtuos" gehandhabt werden, so Krumbholz insgesamt angetan.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.04.2003

Hellauf begeistert ist die Rezensentin Genoveva Dieterich von Javier Marias' jüngstem Roman "Der Gefühlsmensch", in dem Marias seine "alten Obsessionen" - "die Undurchdringlichkeit des Lebens, die im Alltäglichen lauernden Gefahren, die Unentrinnbarkeit vor dem Schicksal" - wie in einer "Fuge" zusammengearbeitet hat. Im Zentrum des Buches steht ein für die Rezensentin an Orwell erinnerndes Motiv: Der nach Oxford gereiste Erzähler, der für einen Professor eine "seltsame Arbeit" übernimmt, nämlich für einen unbekannten oder gar "imaginären" Dritten "Menschen zu lesen", sie zu "deuten" und zu "übersetzen". Für die Rezensentin war Marias' Erzähler, der als sein alter ego fungiert, noch nie so "überzeugend" wie hier, in seiner Betrachtung des Menschen im Bürgerkrieg, der auch im Kampf um eine gerechte Sache Gefahr läuft "entmenschlicht" zu werden, sobald er eine Aufgabe "unkritisch" übernimmt. Zwar ist dieses Buch nur der erste Band eines zweiteilig angelegten Werkes, doch eins ist für die Rezensentin klar: Man kann es jetzt schon als ein "Meisterwerk im wahrsten Sinne des Wortes" bezeichnen, "als das Werk eines zur Meisterschaft seines Handwerks gelangten Künstlers".
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