Die protestantische Gestalt des Christentums hat die deutsche Literatur über weite Strecken geprägt. Luthers Übersetzung, in der die Heilige Schrift in den protestantischen Elementar- und Lateinschulen unterrichtet wurde, schuf eine einheitliche Literatursprache jenseits aller Standesgrenzen. Im Zusammenhang mit der Reformation entstand nicht nur eine neue Sprache, sondern auch die enge Verbindung zwischen Literatur und Religion. Nur in Deutschland besteht eine derart enge Beziehung zwischen Dichtung und den zentralen protestantischen Institutionen, der Kirche und dem Pfarrhaus. Das protestantische Pfarrhaus war eine Keimzelle der Bildung und in seiner Bibliothek begegneten die Pfarrerssöhne der antiken Literatur. Ob Gottsched, Lessing, Wieland, Lichtenberg, Jean Paul und die Brüder Schlegel: Sie alle stammen aus einem Pfarrhaus. Die Beiträge des Bandes gehen der Beziehung zwischen Protestantismus und deutscher Literatur anhand prominenter Beispiele nach.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2005
Sehr gespannt war Thomas Meißner auf diesen Sammelband, der den Zusammenhang von Protestantismus und Literatur untersucht. Er erinnert an Heinz Schlaffers berühmtes Diktum aus der "Kurzen Geschichte der deutschen Literatur", wonach keine andere Gesiteshaltung die Bildungsgeschichte der deutschen Intelligenz so bestimmt habe wie die Religiosität. Allerdings haben ihn dann doch nicht alle Beiträge überzeugt. Positiv hervor hebt er Jan Rohls Text über den Aufklärer Friedrich Nicolai, Gunther Wenz' über Gottfried Keller und Christoph Schwöbels über Thomas Mann. Letzterer stellt den Informationen des Rezensenten zufolge den Niedergang der Buddenbrooks parallel zur Geschichte des reformierten Lutherismus. Bei anderen Beiträgern sieht Meißner, wie er vornehm formuliert, nicht immer alle Möglichkeiten ausgenutzt. Einige sieht er vor der Gefahr nicht gefeit, Autoren für die eigenen theologischen Standpunkte zu vereinnahmen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.12.2004
Nachdem Heinz Schlaffer mit seiner These, die deutsche Literatur hätte ihre Blüte vom 18. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss der protestantischen Theologie erlebt, für lebhafte Diskussionen gesorgt hat, sieht Friedemar Voigt die Debatte durch zwei neue Bücher wieder aufgegriffen. Dabei zeigt sich die protestantische Theologie, wie er befriedigt feststellt, in "beachtlicher Form. Der Sammelband "Protestantismus und deutsche Literatur", der aus einer Münchner Ringvorlesung hervorgegangen ist, legt eine historische Perspektive an das Thema an, stellt der Rezensent fest. Dabei werde deutlich, dass insbesondere Klopstock und Nicolai ihr literarisches Werk als "theologische Avantgarde" begriffen, wie Walther Sparn und Jan Rohls in jeweils eigenen Beiträgen herausarbeiten, so Voigt. Ihm hat besonders der "fulminante" Beitrag von Christoph Schwöbel zu den "Buddenbrooks" von Thomas Mann imponiert. Der Autor hat den Roman als "kurze Geschichte des bürgerlichen Protestantismus" gelesen und stellt die enge Verflechtung zwischen bürgerlicher "Dekadenz" und "Protestantischer Religion" heraus, so der Rezensent zustimmend.
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