Im Film "Der dritte Mann" von 1949 erklärt Harry Lime seinem Freund: "In den dreißig Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut, aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, fünfhundert Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!" Es gibt viele Stereotype über den neutralen Kleinstaat, die zumeist auf dem Gedanken der Exzeptionalität beruhen. Tatsächlich war die Schweiz jedoch in die Strukturen und Prozesse der europäischen Moderne genauso eingebunden wie ihre Nachbarstaaten. Jakob Tanner spürt den Spannungen zwischen Demokratie, Kapitalismus und Nationalmythologie in der Schweizer Moderne nach und macht eines deutlich: Die Schweiz ist nicht langweilig, sie ist der Ernstfall!
Viel Erfolg wünscht Rudolf Walther dem Buch des Historikers Jakob Tanner über die Geschichte der Schweiz. Der Autor punktet laut Rezensent mit souveräner Übersicht über die Entwicklung der Eidgenossenschaft. Besonders das Thema die Schweiz und die Demokratie kann Tanner dem Rezensenten kurzweilig und mit Blick auf die eidgenössischen Außenbeziehungen, auf Wirtschafts-, Sozial- und Innenpolitik schmackhaft machen. Wie sich Nationalmythos, Kapitalismus und Rechtsstaatlichkeit im Fall der Schweiz zueinander verhalten, erfährt Walther und lernt die Schattenseiten der Schweizerischen Nationalgeschichte kennen. Aufklärung at its best, meint er.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.09.2015
Mit einigem Interesse nimmt Rezensent Oliver Zimmer Jakob Tanners Ankündigung zur Kenntnis, die in der Schweizer Geschichtsschreibung offenbar übliche "Containerperspektive" überwinden und die Wechselwirkung mit der Geschichte des übrigen Europas integrieren zu wollen. Dabei geht Tanner davon aus, dass die Schweiz im Laufe ihrer Geschichte immer wieder mit, so Tanner, "nationalistischen Abwehrreflexen" die eigene Position innerhalb eines angenommenen Bedrohungsszenarios definiert und behauptet habe: Der vom Land selbst so postulierte Schweizer Sonderfall. Statt die Perspektive nun aber zu erweitern, schaffe der Historiker zum Bedauern seines Kritikers lediglich einen weiteren helvetischen Sonderfall: Er skizziere die Schweiz als einen Staat, der die globalen geopolitischen Zäsuren vor allem zur eigenen Vorteilsnahme perspektiviert, wohingegen sich das übrige Europa zusehends einem postnationalen Projekt widme. Das Bild einer idealistisch-souveränen Schweiz werde lediglich durch eine im Prozess der Überwindung des nationalen Gedankens sich als rückständig erweisende Schweiz ersetzt. Ein Ergebnis, zu dem der Autor nach Ansicht des Rezensenten, wie dieser an zwei herangezogenen Beispielen zu belegen versucht, mangels Berücksichtigung des internationalen Forschungsstands gelangen kann.
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