Istvan Eörsi

Im geschlossenen Raum

Roman
Cover: Im geschlossenen Raum
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783518417492
Gebunden, 323 Seiten, 22,80 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer und mit einem Nachwort von György Konrad. Ein ungarischer Schriftsteller, Alter ego des kämpferischen Moralisten Istvan Eörsi, gibt einer jungen Journalistin aus England bereitwillig Auskunft über sein Leben. Sie sitzen auf der Terrasse eines Sommerhauses auf einer kleinen Donauinsel unweit von Budapest, die nur mit der Fähre zu erreichen ist. Der Versuch, lästige Besucher aus der Vergangenheit abzuschütteln, scheitert - genauso wie das geplante Zeitungsinterview. Statt über sein einst verbotenes Theaterstück "Im geschlossenen Raum" spricht Eörsis Held über den Alltag in Zeiten der Diktatur, wo Spitzel und ihre Opfer, ehemals verfolgte Kommunisten und ihre Henker, im geschlossenen Raum der Gesellschaft miteinander auskommen müssen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.10.2006

In seinem autobiografischen Roman nimmt Istvan Eörsi ein Alter Ego namens Borsi ins Verhör und befragt ihn zur eigenen Vergangenheit, berichtet Rezensentin Marion Löhndorf. Obwohl der Roman in Form eines Interviews mit einer Journalistin angelegt ist, vermittelt der Text eher den Eindruck eines Selbstgesprächs, findet die Rezensentin. Borsi stelle sich moralische Fragen über die eigene Rolle zur Zeit des Sozialismus in Ungarn sowie über seine amourösen Erlebnisse und schwanke dabei oftmals zwischen Reue und Kaltherzigkeit. Trotz des Versuchs, sich hinter dem eigenen Spott zu verbergen, lege Eörsis autobiographischer Protagonist doch einen Hang zu selbstquälerischer Analyse an den Tag, vermerkt sie. Die kraftvolle Sprache des Autors sei dabei nicht auf die Unterhaltung oder Entspannung des Lesers angelegt, sondern auf eine möglichst genaue Schilderung seiner komplizierten Vergangenheit, meint die Rezensentin, die sich mit einem Werturteil über dieses Buch allerdings vornehm zurückhält.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2006

Als "wichtigste literarische Gabe" zum Jahrestag des Aufstands in Ungarn preist Wolfgang Schneider den autobiografischen Roman des im vergangenen Jahr vierundsiebzigjährig verstorbenen Istvan Eörsi. Eörsi erzählt, wie sein Alter-Ego Borsi von einer jungen Journalistin interviewt wird und dabei seine Vergangenheit als ungarischer Dissident und somit auch die Geschichte Ungarns und seiner Auseinandersetzung mit dem Kommunismus Revue passieren lässt, berichtet der Rezensent. Eörsi, lobt er, gehe dabei keineswegs nachsichtig oder unkritisch mit der Vergangenheit seines Helden um, die auch seine eigene ist, sondern stelle hartnäckig unbequeme Fragen, lasse Borsi selbst immer wieder an der eigenen Dissidentenrolle und moralischen Integrität zweifeln. Eörsi hinterfrage gewissenhaft die Rolle des Künstlers angesichts der Gefahr politischer Korrumpierbarkeit, würdigt der Rezensent. Dabei lobt er die hohe Intelligenz und den analytischen Blick des mit sarkastischem Humor gewürzten Buches ebenso wie die untergründige Erotik, die Eörsi der Gesprächssituation zwischen seinem Alter-Ego und der Journalistin unterlegt. Dass nicht alle Figuren dieses Romans gleichermaßen anschaulich werden, verzeiht der Rezensent leicht, zumal der kundige Leser einige Bekannte wie Georg Lukacs und Ernst Jandl wiedererkennen könne.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.07.2006

Anne Kraume hat den Überblick behalten und das ist nicht leicht bei diesem posthum auf Deutsch erscheinenden letzten Roman des Ungarn Istvan Eörsi. Das Buch beschreibt Kraume als "verschachtelt". Das Spiel mit dem Roman im Roman, mit den sich überschneidenden Biografien von Autor und Figur und der grotesken (Nicht-)Aufführungsgeschichte eines kritischen Theaterstücks im repressiven Ungarn - Kraume dröselt uns das ausführlich auseinander. Sie entdeckt den "Kunstgriff", den Dreh- und Angelpunkt, der die Geschichten verbindet, und den Ort der Handlung, eine Insel, als "kommunikativen und literarischen Raum". Wenn sie auch nicht laut hurra schreit, imponiert hat der Rezensentin dies: Das Disparate des Romans eint am Ende eine Stimme - "diejenige einer moralischen Instanz".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.07.2006

Als einen der bedeutendsten ungarischen Schriftsteller würdigt Karl-Markus Gauss den 2005 verstorbenen Satiriker Istvan Eörsi. Hocherfreut zeigt er sich konsequenterweise über dessen Roman "Im geschlossenen Raum", der nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Roman erfasst die allgemeine Geschichte Ungarns sowie die spezielle des Autors von 1960 bis 1989. Dafür lässt Eörsi einen alternden Großdichter antreten, der das zweitägige Gespräch mit einer jungen Journalistin auf einer Donauinsel zum Anlass nimmt, abzurechnen - mit dem Kommunismus, den zahllosen Möglichkeiten, sich mit dem System zu arrangieren, den Schwierigkeiten, integer zu bleiben, und schließlich mit sich selbst. Eine bissige Bilanz, voll von "grimmigem Zorn, ironischer Weisheit und selbstkritischem Furor".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.06.2006

Rezensentin Ilma Rakusa ist tief beeindruckt von Istvan Eörsis autobiografisch gefärbtem Roman, zu dessen Qualitäten sie Eörsis Schonungslosigkeit Freund und Feind aber auch sich selbst gegenüber zählt, ebenso wie seinen Witz und sinnlichen Charme. Über weite Strecken sei das als fiktives Interview konzipierte Buch eine in der Art der Bekenntnisse von Augustin bis Gombrowicz verfasste "skrupellose Selbstbefragung". Immer wieder zeigt sich die Rezensentin dabei fasziniert von Eörsis dramatischen Fähigkeiten, die sie ihn im verhörartig geführten Interview über die Zeit nach Stalins Tod bis zur Wende1989 entfalten sieht. Besonders die Episoden aus der Gefängniszeit von 1953 bis 1960 packen die Rezensentin sehr. Ihr gefällt aber auch die subtile Erotik in der Beziehung zwischen der fiktiven Interviewerin und dem Protagonisten des Romans, den die Rezensentin im Übrigen von Heinrich Eisterer "prägnant übersetzt" findet.
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