Klappentext
Auch 80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald ist die Erinnerung an den Holocaust nicht in der demokratischen Mitte angekommen. Die Angriffe auf das, was im Land Gedächtniskultur heißt, kommen nicht mehr nur von rechts. Warum? Was ist da los? Ines Geipel taucht noch einmal in die Vergangenheit ein, sucht nach den Quellen der Lagerwelt und befragt die Legenden nach 1945: von der vorbildlichen Aufarbeitung im Westen bis zum antifaschistischen Staatsmythos der DDR.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 18.03.2026
"Überaus spannend" findet Rezensentin Angela Gutzeit dieses Buch von Ines Geipel über das KZ Buchenwald und den Umgang mit seiner Geschichte in der DDR. Denn in Buchenwald mordeten nicht nur die Nazis, auch Kommunisten beteiligten sich, sortierten aus und töteten, um das eigene Leben zu retten. "Da unsere Genossen mehr wert waren als alle anderen, mussten wir also einen Schritt gemeinsam mit der SS gehen, und zwar in der Vernichtung von aussichtslos kranken und kollabierenden Menschen […] Dass ich die Liquidierung nicht allein durchführen konnte, versteht sich von selbst", zitiert Gutzeit aus dem Buch den Buchenwaldhäftling, Kommunisten und späteren Geheimdienstchef von Sachsen Helmut Thiemann. Geipel geht es aber nicht um politische Aufrechnung, sie interessiert sich mehr dafür, was diese Erfahrungen für die Körper der Überlebenden und das Gedächtnis der DDR bedeuteten. Die "Ungleichzeitigkeit" der Aufarbeitung der Nazi-Zeit in Ost und West hat für Geipel viel mit der immer größer werdenden Kluft heute zu tun. Die Rezensentin widerspricht nicht.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2026
Rezensentin Tania Martini lobt Ines Geipels Buch über Buchenwald und deutsch-deutsche "Erinnerungskultur" - in dicken Anführungszeichen - vor allem für den Inhalt, weniger für die Form. Die Journalistin und Expertin für DDR- und Gewaltgeschichte geht hier den jeweiligen "Rissen" im Umgang mit dem Holocaust auf ostdeutscher und westdeutscher Seite nach, die sich ausgehend von aktuellen Angriffen auf dieses Erinnern von rechts und links zurückverfolgen lassen. Auf Grundlage umfangreichen, hauptsächlich DDR-internen Quellenmaterials arbeite Geipel dabei vor allem die Mythenbildung auf beiden Seiten heraus; umrissen mit einer "Entkonkretisierung" des Erinnerns im Westen, einer "Heroenrealität" und "Opfergesellschaft" im Osten. Martini findet stark, wie differenziert Geipel dabei Buchenwald als Begegnungsort der "verschiedenen Gewaltsysteme" in den Blick nimmt und die systematische Verwischung von Fakten, etwa zur Rolle kommunistischer Funktionshäftlinge, aufzeigt. Das sei inhaltlich alles stark ausgearbeitet und in einem sehr "eindrücklichen" Stil verpackt - nur manchmal balanciert für Martini die Mischung aus persönlicher Geschichte der Autorin, Quellenmontage und fragmentarischer Sprache auf der Grenze zum "Manierierten". Trotzdem ein "kluges" und sehr ergiebiges Buch, vermittelt sie.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2026
Dem Rezensenten Norbert F. Pötzl scheint es zu gefallen, was Ines Geipel ihrer Leserschaft zumutet: Auf der Grundlage akribischer Recherchen, versichert Pötzl, "zertrümmert" die Schriftstellerin den Mythos kommunistischer Heldenhaftigkeit im Konzentrationslager Buchenwald. Dabei bringe Geipel nicht nur bisher weitgehend unbekannte Tatsachen über die Kollaboration kommunistischer Funktionshäftlinge ans Licht, lobt Pötzl, sondern zeichne auch nach, wie die DDR-Führung die Legendenbildung vorantrieb. Pötzl erwähnt, dass in Thüringen immer wieder Debatten um den kommunistischen Widerstand in Buchenwald aufgeflammt seien, aber nie zu Ende diskutiert wurden. Leider sagt er nichts darüber, was die Gedenkstätte der verzerrten Erinnerungskultur entgegensetzt.
Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.03.2026
Was Ines Geipel hier aufschreibt, ist laut Rezensent Michael Pilz inzwischen wohlbekannt, was nicht heißt, dass es sich nicht lohnt, es noch einmal zu formulieren. Geipel beschäftigt sich in ihrem neuen Buch mit dem DDR-Staatsmythos Buchenwald. Im KZ Buchenwald wurden nur vergleichsweise wenig Kommunisten getötet, was bereits darauf verweist, dass am antifaschistischen Gründungsmythos der DDR einiges faul war. Geipel zeichnet nach, dass manche Kommunisten in Buchenwald tatsächlich gleichzeitig Opfer und Täter waren, zum Beispiel, wenn sie Abweichler um die Ecke brachten, außerdem geht es um die Fortschreibung des Mythos in der DDR, unter anderem in "Nackt unter Wölfen", dem Film wie dem Roman. Pilz liest durchaus interessiert, wie Geipel das alles in der ihr eigenen Diktion und eigenwilligen Wortwahl aufarbeitet und auch den Bogen schlägt in eine vom neuen Rechtsruck geprägte Gegenwart.
Buch in der Debatte
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