Andre Sellier

Zwangsarbeit im Raketentunnel

Geschichte des Lagers Dora
Cover: Zwangsarbeit im Raketentunnel
zu Klampen Verlag, Lüneburg 2000
ISBN 9783924245955
Gebunden, 627 Seiten, 39,88 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Maria-Elisabeth Steiner. Die Rüstungsanstrengungen der Nazis gerieten 1943 von zwei Seiten unter Druck. Erstens wurde im August die Produktionsstätte für Raketen in Peenemünde durch Luftangriffe weitgehend zerstört. Zweitens wurden die Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie immer knapper. Das Konzentrationslager mit dem Codenamen "Dora", im südlichen Harz gelegen, sollte beiden Problemen abhelfen. In einer unterirdischen Fabrik konnte die Raketenproduktion vor Luftangriffen geschützt fortgesetzt werden. Als schier unerschöpfliches Arbeitskräftereservoir dienten die Häftlinge, die gezwungen wurden, die Fabrik im Tunnel auszubauen und die berüchtigte "V2"-Rakete zu produzieren. Andre Sellier hat die Berichte der Überlebenden mit dem vorhandenen Quellenmaterial über Dora zu einer Chronik dieses Lagers im besonderen und des Lagersystems im allgemeinen verwoben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2001

Thomas Speckmann bespricht zwei Bücher, die sich mit dem Konzentrationslager Dora befassen, in dem während des Zweiten Weltkriegs von Häftlingen Raketen gebaut wurden.
1) Jens-Christian Wagner: "Produktion des Todes"
Speckmann lobt die akribische Recherche Wagners, mit der dieser die grausame Besonderheit dieses Konzentrationslagertyps herausgearbeitet habe. Denn die kleinen Lager waren in frappierender Weise in die Gesellschaft integriert - eine Auswirkung der Versorgungsenge zu Kriegsende. Sie seien daher gekennzeichnet durch eine gewisse Improvisation; in den letzten Kriegsmonaten musste die SS von ihren Dogmen abweichen und etwa Kleinstlager inmitten von Ortschaften einrichten, weil die größeren Lager immer schwerer zu erreichen waren. Daher seien diese Lager nicht mit denen vor dem Kriege zu vergleichen; die wechselseitige gesellschaftliche Durchdringung sei Kennzeichen auch des KZs Mittelbau-Dora. So wurden zunehmend Wehrmachtssoldaten zur Lagerverwaltung eingesetzt, wobei sich die Existenzbedingungen für die Häftlinge nicht verbesserten. Speckmann unterstreicht an dieser Stelle, dass Wagner zu recht betont, dass die Gewalt in den Lagern kein spezifisches Vernichtungsprogramm der SS mehr erforderte. Die Bereitschaft der Bevölkerung an Mittäterschaft und Gewalt werde durch diese Studie Wagners deutlich. Bemerkenswert nennt Speckmann ein weiteres Ergebnis des Buches von Wagner, dass es nämlich für die Bereitschaft zur Mittäterschaft, die das System der Konzentrationslager erst ermöglichte, nicht erst der nationalsozialistischen Ideologie bedurfte.
2) André Sellier: "Zwangsarbeit im Raketentunnel"
Für sehr viel weniger gelungen hält Speckmann André Selliers Buch zum selben Thema. Der Autor und ehemalige Dora-Häftling werde seinem Anspruch einer Gesamtdarstellung nicht gerecht. Er stütze sich zu sehr auf ältere Literatur, die die Beziehung des Lagers zu ihrem Umfeld vernachlässige. Warum Sellier zudem hauptsächlich Erfahrungsberichte französischer Häftlinge konsultiert und kaum auf archivarisches Material zurückgreift, bleibt dem Rezensenten unklar.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.12.2000

Das Bild, das der Autor zeichnet, ist beklemmend, schreibt Hans-Martin Lohmann in seiner Kurzkritik. Das liegt sicher an der "minutiösen Rekonstruktion" der Geschichte des Lagers Dora, die wir hier lesen können, vor allem aber haben die Berichte und Dokumente über die Lebens- und Arbeitsbedingungen "der modernen Sklaven" im Raketentunnel den Rezensenten erschüttert: Die Verhältnisse spotteten eigentlich jeder Beschreibung, meint er. Und die von Sellier nicht unerwähnt gelassenen Akte der Solidarität könne man wohl als Wunder bezeichnen. Lohmann sieht die Bedeutung der Arbeit aber in erster Linie darin, dass sie, wie er erklärt, helfe, den Blick auf "das Universum des NS-Terrors", dem Stand der Forschung entsprechend, zu differenzieren. Auf die Wichtigkeit einer solchen unterscheidenden Sicht auf das Grauen werde im Vorwort des Buches eigens hingewiesen.
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