Herta Müller

Im Haarknoten wohnt eine Dame

Cover: Im Haarknoten wohnt eine Dame
Rowohlt Verlag, Reinbek 2000
ISBN 9783498044749
Gebunden, 208 Seiten, 29,65 EUR

Klappentext

Wie in ihrem 1993 erschienenen Postkartensammlung "Der Wächter nimmt seinen Kamm" variiert Herta Müller auch in ihren neuen Text-Bild-Collagen ihre Themen auf spielerisch-virtuose Weise: Gewalt und Flucht, Entwurzelung und Sehnsucht nach Heimat. Die Bildcollagen ? Gesichts- und Körperfragmente, Details aus dem Alltagsleben neben schwarzen Scherenschnittfigurinen ? geben die Stimmung vor, die Texte sind aus einzelnen, aus Zeitungen und Illustrierten herausgeschnittenen Wörtern zusammengeklebt, Bruchstücke mit optischen Akzenten und sichtbaren Fugen, die sich wie Puzzleteile erst bei der Lektüre zu einem Gesamtbild fügen. Neben den Themen von Bedrohung und Bedrängnis schlägt Herta Müller aber auch einen leichteren, unbeschwerteren Ton an: Sie spielt mit Reim und Assonanz, die die Texte bisweilen in die Nähe von Volkslied, Moritat und Bänkelsang stellen, humorvoll, aber auch makaber.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2001

Viele der poetischen Miniaturen, die Herta Müller in diesem Gedichtband veröffentlicht, gehören wohl zum Besten, was sie je geschrieben hat – Rezensent Ernst Osterkamp ist beeindruckt. "Bitterböse und tieftraurig" und auf absurde Weise fröhlich ist dieses "Poesiealbum", das aus der Perspektive eines Kindes geschrieben zu sein scheint, das mit Unverständnis auf die verrückte Welt blickt, so Osterkamp und zitiert: „meine liebe Mutter spinnt / hält den Waschtisch für ihr Kind / und mein lieber Vater spinnt / mäht im Garten kahlen Wind." Nüchtern und alltäglich ist diese Sprache, dabei sehr kunstvoll, versichert der Kritiker. Das Schreckliche der Welt, Tod, Krieg und Flucht kommen hier in "lakonischer Prägnanz" zum Tragen, so Osterkamp. Jedes Gedicht findet er dabei auf seine Weise originell, manchmal geht es auch um Liebe, so der Rezensent und zitiert noch einmal: „Wechselstuben in den Brüsten / Äpfel Birnen Fallobst dran / wenn wir uns jetzt lieben müßten / finge ich zu rascheln an.“ Osterkamps Fazit: Große Kunst.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.12.2000

Begeistert äußert sich Gabriele Killert über die "Gelegenheitslyrik" (die Autorin) von Herta Müller: heitere verspielte Texte, denen der vorausgegangene Schmerz, die Erschütterung noch anzumerken sei, die aber eine befreiende Wirkung zeigten. "Der toxische Stoff ist in einer schwingenden Kapsel aus Wohlklang gleichsam versiegelt", schreibt Killert. Gar einen Hang zur Blödelei kann die Rezensentin in diesen Gedichten und Collagen ausmachen, bei denen sich die Autorin erstmals sogar dem Reimschema beugt. Sie betreibe ein parodistisches Spiel, so Killert, in dem den Wörtern das passiere, was der rumäniendeutschen Autorin selbst widerfahren sei: sie würden "entheimatet", auf Kassiberreise geschickt. Die Themen gleichen denen aus Müllers Prosa: Abschied, Weggehen, Auswanderung, aber mit gelassener, fast defätistischer Heiterkeit behandelt, von der Killert gleich mehrfach Beispiel gibt: "Abschied ist ein Apfelwort/ kommt so blind und rund/ ins Rollen/ Nasen ziehn die Koffer fort/ haben keinen andern Grund/ außer daß sie leben wollen." Einfach schön.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.09.2000

Angelika Overath skizziert in einer sehr liebevollen Rezension zunächst die Situation der rumäniendeutschen Schriftstellerin, die unter Ceaucescu die traumatische Erfahrung der Diktatur und Ausgrenzung machte. Deutsch war dabei in gewisser Hinsicht "ihre Sprache, ohne ihre Sprache zu sein". Aus dieser Grunderfahrung erklärt sich für Overath die Machart der Gedichte im vorliegenden Band. Irgendwie war Müller auch in Rumänien an den "Spiegel" gekommen. Sie schnitt Wörter aus dem Magazin aus, um sie auf Postkarten, die sie an Freunde sandte, neu zusammenzukleben. Sie nutzte also, wenn man Overath folgt, das metaphorische Instrument der Zensur, die Schere, um Neues zu schaffen und sich "ihre" Sprache anzueignen. Overath fällt dabei auf, wie oft die so geschnittenen und geklebten Gedichte an Abzähl- und Kinderreime erinnerten, die dann aber immer wieder ins Finstere und Rätselhafte umzuschlagen. Ein "seltenes, ein atemberaubend schönes Buch", findet Overath.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.09.2000

Der neue Gedichtband ist, wie der Rezensent Hermann Wallmann feststellt, eine Art Fortsetzung des vor sieben Jahren erschienen Bandes "Der Wächter nimmt seinen Kamm". Wiederum werden hier "Allerweltswörter und Allerweltsbilder" aus allerlei Printmedien ausgeschnitten und neu zusammengesetzt. Neu seien hier gelegentliche Reime, die "fast betören", und viel verlieren die Texte, so der Rezensent, wenn man sie nur zitiert und die Wörter aus ihrer wahren Textgestalt, einer "kubistischen Vereinzelung", reißt. Das Ergebnis der Cut-Ups sei "sehr liedhaft"; Hermann Wallmann schließt mit dem Fazit, dass ihm kaum ein Gedichtband der letzten Jahre so gut gefallen hat.
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