Hermann Hesse

"Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende"

Die Briefe 1958-1962
Cover: "Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518432273
Gebunden, 643 Seiten, 68,00 EUR

Klappentext

Dieser vorletzte Band der zehnbändigen Ausgabe von Hesses Briefen dokumentiert die vier letzten Jahre seines Lebens. Nicht größere Werke sind es mehr, die der inzwischen Achtzigjährige den zunehmenden Beschwerden des Alters noch abgewinnt, sondern Erzählungen und Rückblicke auf bewegende Begebenheiten seines Lebens. Denn das Festhalten des Erlebten und dessen Bezug auf Gegenwart und Zukunft waren ihm nun vordringlich. Nach wie vor ungebrochen ist sein Interesse an den Hervorbringungen seiner Schriftstellerkollegen und der nachwachsenden Generation sowie das Bestreben, in seiner Lyrik für die Eindrücke und Erkenntnisse der späten Jahre den knappsten und sinnfälligsten melodischen Ausdruck zu finden. Die Empathie und die Sorgfalt, womit er darüber hinaus bis zuletzt die vielen tausend Zuschriften und Anliegen seiner Leserinnen und Leser beantwortet hat, machen seine Briefe zu einem unverzichtbaren Teil seines Werkes und einem auch zeitgeschichtlich ergiebigen Gewinn. Ein Nachtrag mit den seit Redaktionsschluss neu aufgefundenen Korrespondenzen beendet diese Sammlung und wird im abschließenden Band fortgesetzt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 28.01.2026

Angeregt bespricht Rezensent Wolfgang Schneider den neunten Band der Edition der Briefe Hermann Hesses, diesmal ist die Korrespondenz der letzten Lebensjahre, 1958-1962, dran. Briefe sind für Hesse in dieser Zeit das zentrale literarische Betätigungsfeld, er setzt sich mit Angriffen von Seiten der deutschen Literaturkritik, die ihm Kitsch vorwirft, auseinander, aber auch mit seinem wachsenden Ruhm in den USA. Keineswegs jedenfalls ist er ein weltabgewandter Schöngeist in diesen Briefen, dafür sorgen schon nervige Touristen, die ihm in Montagnola das Leben schwer machen. Außerdem liest Hesse viel, neben Johnson und Weiss auch Ernst Jünger, mit dessen Unbehagen an der Moderne sich identifizieren kann. Vor allem sind die Briefe, freut sich ein wohlgestimmter Schneider, ausgezeichnet geschrieben, in einer musikalischen und, dem Klischee vom humorlosen Hesse zum Trotz, mit einigem Witz.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.01.2026

Rezensent Hilmar Klute zeichnet Hermann Hesse nach der Lektüre seiner Briefe aus dem Jahre 1958 bis 1962 als wachen, unbeirrbaren Intellektuellen, dessen abertausende Briefe ein "Journal aus einer Zeit der politischen und moralischen Neuorientierung" ergeben und zugleich fortlaufende Kommentare zum eigenen Werk sind. Die kurzen, oft von Krankheit gezeichneten Schreiben reichen von harscher Kritik am neuen Westdeutschland als "Schandfleck" über freundliche Abgrenzung von belehrender Moral ("Ich will nicht belehren … sondern nur Unruhe wecken") bis zu hinreißenden Alltagsbeobachtungen und Empörungen über Fans ("Dies Pack macht mir Leben, Haus und Garten … zur Hölle"), erfahren wir. Man begegnet einem Autor zwischen Romantik und Moderne, politisch hellwach, literarisch neugierig, geduldig mit Nörglern, streng mit Möchtegerndichtern, leidend an Arthrose und Leukämie, doch bis zuletzt schreibend, spielend, kämpfend um Sprache, schließt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2025

Rezensent Wolfgang Schneider ist erstaunt über die Emotionalität, die der alternde Hermann Hesse in dieser Ausgabe der Briefe seiner letzten Lebensjahre noch zeigt, entgegen seines Rufes als meditierender Zen-Künstler. Das Medium Brief wurde in dieser Zeit zu Hesses einzigem Zugang zur dichterischen Sprache, was für Schneider in der glänzenden Rhetorik der oft verärgerten Briefe deutlich wird. Hesse beschwert sich nicht nur über die zunehmenden Touristen, die in sein Schweizer Anwesen in Montagnola stolpern, sondern auch über die vielen Anfragen von frustrierten SchülerInnen, die ihn um die Interpretation seiner Texte bitten. Doch die Briefe zeigen auch, was für ein hohes Lektürepensum der alte Schriftsteller in diesen Jahren noch erfüllen konnte, blieb das Lesen doch neben der Musik eine seiner Haupttätigkeiten, fasst Schneider zusammen. Den Kritiker überrascht es auch in Hesses Lobeshymnen die Namen von Gottfried Benn und Ernst Jünger vorzufinden, wobei Hesse sich besonders mit Jüngers Kulturpessimismus identifizieren konnte. Dass sich der Schriftsteller in diesem Zuge als Antisemitismus-Gegner zeigt, gleichzeitig aber auch den jüdischen Kritiker Alfred Kerr kritisiert, deutet Schneider als einen Moment auszuhaltender Ambivalenz dieses sehr bereichernden Lektüreerlebnisses. 

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.07.2025

Rezensent Marc Reichwein findet einiges von Interesse im inzwischen neunten und immer noch nicht letzten Band einer Reihe, die sich der Korrespondenz Hermann Hesses widmet. Der passionierte Briefeschreiber Hesse frönte seiner Leidenschaft auch noch in den letzten Lebensjahren, die hier versammelten Briefe stammen, erfahren wir, aus den Jahren 1958 bis 1961, Hesses Todesjahr. Reichwein geht nur auf einige wenige Briefe näher ein, unter anderem auf solche, in denen Hesse sich gegen Ehrungen zur Wehr zu setzen versucht, die seine Heimatstadt Calw ihm zukommen lassen will, sowie einige erstaunlich pessimistische Mitteilungen unter anderem an Siegfried Unseld. Insgesamt bietet die Hesse-Korrespondenz-Edition Anlass sich Gedanken zu machen über die seltsame literarische Gattung des Briefs, die altmodisch anmuten mag, aber möglicherweise mehr Erkenntnisse ermöglicht, als in neuerer elektronischer Kommunikation je aufzufinden sein wird, findet Reichwein.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 13.06.2025

Rezensent Oliver Pfohlmann erfreut sich an den kleinen Natur- und Alltagsbeobachtungen des alten Hermann Hesse in den von Volker Michels herausgegebenen Briefen des Schriftstellers aus den Jahren 1958-1962. Der neunte Band der Briefausgabe bietet Pfohlmann daneben Hesses Gedanken über aufdringliche Fans, Gegenwartsliteratur und die Kritik seiner Werke. Für den Rezensenten ist der Band eine Fundgrube an Reflexionen, in denen Hesse auch zu Kulturellem, Politischem und Religiösem Stellung bezieht. Lesenswert scheint das Pfohlmann nach wie vor.
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