Bis heute gilt die konsequente Verfolgung von NS-Tätern als "gute Seite" des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Doch hinter der Fassade des antifaschistischen Musterstaats wurde ein sorgsam verhülltes, doppeltes Spiel gespielt: SED und Staatssicherheit prangerten die Bundesrepublik an und lieferten Fälle für Vorzeigeprozesse, aber zugleich stellten sie Ermittlungen gegen NS-Täter hintan, wenn sie dem Image der DDR zuwiderliefen. Henry Leide analysiert die Formen dieser Politik: Anwerbungen von früh amnestierten oder nie verurteilten NS-Verbrechern als Informanten und Agenten in Ost und West, mangelhafte Ermittlungen gegen Hunderte belastete DDR-Bürger, vereitelte Strafverfahren gegen angesehene DDR-Ärzte und verweigerte Rechtshilfe für die ausländische Justiz bei gleichzeitiger Monopolisierung vieler Akten durch die Geheimpolizei. In dieser Praxis entpuppt sich der DDR-Antifaschismus als instrumentelles Kampfprogramm in der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2006
Überzeugend findet Rezensent Jochen Staadt diese Studie zur Vergangenheitspolitik der DDR und den Umgang des SED-Regimes mit NS-Tätern, die Henry Leide vorgelegt hat. Er bescheinigt Leides Untersuchung, mit dem Mythos aufzuräumen, die DDR habe nationalsozialistische Täter gnadenlos verfolgt und zur Strecke gebracht. Anhand zahlreicher Fallbeispiele belege Leide, dass in der DDR nur ein winziger Bruchteil der Verbrechen aus der Zeit des "Dritten Reiches" vor Gericht kam. Den Verdienst des Autors sieht Staadt auch darin, die Ambivalenz des DDR-Antifaschismus im Umgang mit der NS-Vergangenheit offengelegt zu haben. "Leides Arbeit über die Ermittlungsarbeit des Staatssicherheitsdienstes gegen NS-Verbrecher", resümiert Staadt, sei nach Joachim Walthers "Sicherungsbereich Literatur" die "wohl wichtigste von der Gauck/Birthler-Behörde vorgelegte Untersuchung".
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