"Die Diktatur ist die Täterin." Judas als Frau, Frauen als Verräterinnen - in ihrem dokumentarischen Werk erzählt Helga Schubert von zehn Frauen, die im Dritten Reich zu Denunziantinnen geworden sind. Aus Gerichtsakten rekonstruiert die Autorin die tödliche Beziehung der Verräterinnen zu ihren Opfern, geht mit den Mitteln der Literatur auf eine Spurensuche nach weiblicher Täterschaft und destilliert daraus irritierende Parabeln des Verrats. Diesen Verrat hat Helga Schubert "aufgehoben wie ein verwelktes Blatt. Und wie unter einem Mikroskop sah ich eine Struktur, die sich immer und immer und immer wiederholt."
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.12.2021
Rezensent Gustav Seibt ist schwer beeindruckt von den erstmals 1990 und nun neu erschienenen Fallgeschichten von Helga Schubert, die 2020 den Bachmann-Preis gewann. Zwischen Verschlingen, Nachdenken und Wiederlesen schwankt der Kritiker bei der Lektüre dieser Geschichten, die von Denunziantinnen im Dritten Reich erzählen. Spannend findet er vor allem den Geschlechteraspekt, den auch Schubert selbst in den Fokus rücke, bei dem er aber nicht recht zu einer Antwort gelangt - die porträtierten Frauen seien zwar fast alle erstaunlich stumpf, was die Folgen ihres Handelns angeht, die Motive (von Neid über Leichtsinn bis Enttäuschung in der Ehe) aber höchst unterschiedlich, so Seibt. Auch den kühlen, juristischen Ton der Erzählungen lobt der Rezensent dafür, dass er statt "novellistischer Relativierung" im Einzelnen den Leser zum moralischen Urteil auffordere. Geschichten von "meisterhafter Knappheit", die die Frage nach dem Menschenmöglichen stellen, schließt Seibt.
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