Die Entwicklung der EU wird oft als Verfallsgeschichte erzählt: Aus einem visionären Projekt wurde ein technokratisches Monstrum; angesichts der Eurokrise scheint die Stunde des kollektiven Bonapartismus gekommen zu sein, der den Kontinent mit einem Austeritätsregime überzieht. Hauke Brunkhorst präsentiert eine andere Lesart: Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind Vision und Technokratie aufeinander bezogen, die utopischen Anfänge sind in Gesetzen konserviert, der Europäische Gerichtshof stärkt die Rechte der Unionsbürger. Das europäische Projekt bleibt ein offener Prozess, der erneut in eine emanzipatorische Richtung gelenkt werden kann etwa durch eine Mobilisierung der hochqualifizierten, aber prekär beschäftigen jungen Menschen in Spanien, Griechenland und anderen Mitgliedsstaaten der EU.
Mit viel Applaus bedenkt Isolde Charim dieses Buch von Hauke Brunkhorst über Europa zwischen Kapitalismus und Demokratie. Der Autor in ihren Augen eine exzellente Analyse der Geschichte und Gegenwart der europäischen Union, die einerseits einer "Logik der Emanzipation" und andererseits einer "Logik der technokratischen Verwaltung" folge und somit ein "doppeltes Gesicht" habe. Brunkhorsts visionäres Europa-Plädoyer zielt für Charim überzeugend auf die Stärkung der emanzipatorischen und demokratischen Bewegungen, auf eine europäische Öffentlichkeit, ein starkes EU-Parlament und transnationale Gewerkschaften. Ihr Fazit: ein "fulminantes Buch".
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