Harry Graf Kessler lässt uns in seinen Erinnerungen in die aristokratisch-bourgeoise Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. Sein Memoirenband war das erste einer auf drei Bücher angelegten autobiografischen Reihe, die leider unvollendet blieb. Hier beschreibt er seine Kindheits- und Schuljahre und seine Studien-zeit, in der er seine Liebe zu Nietzsches Schriften entdeckte, nach Amerika reiste und beinahe ganz natürlich mit den politischen Entscheidungsträgern seiner Zeit - Kaiser Wilhelm I. (der auch Taufpate seiner Schwester war) und Otto von Bismarck - verkehrte. Diese Nähe schränkte jedoch keineswegs seine Objektivität oder Beobachtungs- gabe ein: Besonders über Bismarck fällte Kessler ein scharfes Urteil. In Frankreich, Großbritannien und Deutschland zu Hause, hatte Kessler durch seine Eltern früh Kontakt zur Berliner Hofgesellschaft und wuchs in eine Welt der Kultiviertheit und des Glanzes hinein, die bald von einer finsteren Epoche überschattet werden sollte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 03.02.2020
Martin Ahrends bekommt mit den Erinnerungen Harry Graf Kesslers an seine Kindheit und Jugend im späten 19. Jahrhundert "poetische Menschenbilder" aus den Salons und der Politik, etwa von Sarah Bernhardt und Otto von Bismarck, Einblicke in die Bildungsideale der Zeit, die höfischen Kreise und Beziehungen sowie die Umbrüche des Fin des Siècle und sogar das Arbeitermilieu. Köstlich findet Ahrends die Frauenporträts und die Eindrücke des Europäers Kessler aus Hamburg, Paris, Ascot, Bonn und Leipzig.
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