Mit 25 Abbildungen. Das Gedächtnis ist nicht das, wofür wir es halten. Lange Zeit dachte man, es sei ein untrügliches Archiv, eine Art Computer, in dem Erlebnisse und Ereignisse gespeichert werden, die es nur abzurufen gilt. Welch ein Irrtum! Das Gedächtnis weiß nicht nur mehr als wir wissen, sondern es ist zudem auch noch erfinderisch. Das Gehirn hat weniger mit einfachen Reizen, Daten oder ähnlichem zu tun, sondern vielmehr mit Informationen, die Bedeutung haben. "Bedeutung" aber entsteht durch sprachliche und nicht-sprachliche Kommunikation, die wir mittels unserer Emotionen bewerten. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, daß selbst unsere lebensgeschichtlichen Erinnerungen nicht immer auf eigene Erlebnisse zurückgehen müssen, sondern sich oft auch aus anderen Quellen - beispielsweise aus Büchern, Filmen, Erzählungen anderer - speisen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.01.2003
Wie spannend, zu erforschen, warum wir uns nicht immer auf unser Gedächtnis verlassen können und teilweise auf kollektive Bilder zurückgreifen, die gar nicht zu unserem eigentlichen Erfahrungsschatz gehören, meint Rezensent Urs Hafner. Doch so recht will ihn Harald Welzers Studie zum "kommunikativen Gedächtnis" nicht begeistern. Als Ausgangspunkt wähle Welzer Jan Assmanns Unterteilung des kollektiven Gedächtnisses in das kulturelle und das kommunikative Gedächtnis. Das erste, referiert Hafner, sei das Langzeitgedächtnis der Gesellschaft, deren "Bestand an Texten, Bildern und Riten", während das zweite eine Art "Kurzzeitgedächtnis" sei, das etwa vier Generationen umfasse. Doch dem vom Autor formulierten Anspruch, eine "Theorie des Erinnerns" zu liefern, wird er für den Rezensenten nicht gerecht, denn Welzer beschränke sich darauf, "neurowissenschaftliche und entwicklungspsychologische Literatur" zu referieren, die zu dem Schluss komme, das Gedächtnis sei kein "fixiertes Inventar von Erinnerungsstücken", sondern ein Ort der "permanenten Überschreibung und Ergänzung". Bloß stehe man damit wieder am Anfang, an dem Fakt, der gerade eine Theorie des Erinnerns einfordert. Auch die auf Freud gerichteten "Seitenhiebe" findet der Rezensent deplaziert - schließlich gehe Welzers Begriff des "kommunikativen Unbewussten" nicht maßgeblich über Freuds "Deckerinnerungen" hinaus.
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