Schloss Elmau ist in den letzten Jahren wieder in die Topographie der großen deutschsprachigen Feuilletons aufgenommen worden, nicht zuletzt durch Sloterdijks berüchtigte Rede "Regeln für den Menschenpark" im Herbst 1999. Doch wofür steht eigentlich das Schloss Elmau in der Geschichte? Harald Haury stellt im vorliegenden Band dessen Gründer Johannes Müller vor und zeigt, dass dieser nach dem Zweiten Weltkrieg als Hauptschuldiger Angeklagte auch andere Seiten hatte, andere Ziele verfolgte als sein Engagement für die Deutschen Christen. Ein Buch, das nicht nur die Geschichte von Schloss Elmau beleuchtet, sondern dessen Gründer weitaus differenzierter vorstellt als das gemeinhin der Fall ist und ihn nicht auf den Deutschchristen reduziert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.12.2005
Johannes Müller sei ein waschechter Prophet gewesen, so Rezensent Helmut Zander. Die Mensch hörten ihm nicht nur zu, er habe sogar ein eigenes Evangelium gehabt. Wie bei allen Propheten sei auch Müllers "Wesenskultur" ein genialer Zeitgeisteklektizismus mit allen Gewürzen der Zeit um 1900 gewesen. Damals habe Johannes die evangelische Kirche verlassen und im Schloss Mainberg bei Schweinfurt ab 1903 seine eigene gegründet. Diese Zeit, in der Ricarda Huch, Max von Baden und Adolf von Harnack nach Mainberg pilgerten, ist für den Rezensenten zugleich die große Zeit von Haurys Monographie. Sobald Müller 1916 nach Schloss Elmau umziehe, "dünne" Haurys Schilderung dagegen aus. Auch die NS-Zeit mit Müller als Hitler-Ekstatiker werde nur kurz behandelt, und obgleich Haury "nichts beschönige", stünden doch leider nur die "heroischen" frühen Jahre Müllers im Vordergrund der Darstellung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.08.2005
Zufrieden zeigt sich Rezensent Alexander Kissler mit dieser "flüssig geschriebenen, breit recherchierten, nicht immer uneitlen Arbeit" von Harald Haury über den kulturprotestantischen Lebensreformer und Gründer von Schloss Elmau Johannes Müller (1864-1949). Der Freiburger Historiker schildere den geschäftstüchtigen Lebensberater für "echte Menschwerdung" als "frühen Motivationstrainer", getrieben von einer "Mischung aus Sendungsbewusstsein, Geltungsbedürfnis und Versagensängsten" (Haury). Die Kehrseite von Müllers euphorischer Lobpreisung des ganzheitlichen, einfachen und unmittelbaren Lebens bilden laut Kissler Messianismus, Naturverherrlichung, völkisches Denken, Kriegsbegeisterung und Antisemitismus. Damit stand Müller freilich nicht allein. Das Besondere, Singuläre an Müller sieht Kissler in dessen "Verbindung von ökonomischer Tüchtigkeit und religiöser Selbsterlösungsfantasie mit Vollpension und Körperkult". "Auf diesem Gebiet, steht zu befürchten", befindet Rezensent, "wird unsere 'Wellness'-Zukunft noch einiges von ihm lernen".
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