Die Aufzeichnungen Harald Hartungs kommen niemals triumphal daher, ihnen eignet die Diskretion des Understatements. Hartung ist romantischer Poet und gleichzeitig scharfer Beobachter, der Nachdenkliche und der Heitere. Der Rückschau Haltende und der Gegenwartsversessene. So spannt er den Bogen vom ersten Schultag 1939 bis heute. Unterwegs in Wien, Venedig und der Schweiz, in der Geschichte und immer wieder in Büchern, Gemälden und Träumen hält Hartung fest, was seine Neugier fesselt, worüber er sich wundert und dem er neue Sichtweisen abgewinnt, was er bedenkt oder über was (und wen) der Neunzigjährige spottet. Nicht zuletzt auch über sich selbst, etwa in einem Haiku: "Die Hosenträger / halten einen zusammen / Noch nennt man sich Ich."
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2023
"Profund und anregend" kommt der schmale Band mit Texten des 91-jährigen Harald Hartung daher, findet Rezensentin Christiane Pöhlmann. Ihr begegnen hier kleine Texte, Miniaturen und kurze Gedichte vor allem, die "sich wie Puzzlestücke zu einem Lebenslauf Hartungs" fügen, lesen wir. Es geht um die Kindheit im Krieg, Anekdoten aus dem Leben als Berliner Schriftsteller und kleine literarische Porträts von literarischen Größen wie Uwe Johnson und Max Frisch, resümiert Pöhlmann. Die Texte mit Gegenwartsbezug lesen sich für die Kritikerin etwas "weniger originell", besonders wenn es um die jüngere Generation geht, die Hartung kritisiert. Aber selbst hier setzt Hartung noch eine ganz wunderbare Pointe, lobt die Kritikerin und zitiert: "Auf der Rechnung stand / 'Es bediente Herr Stiller' / Mir kamen Zweifel / Zumal der Herr am / Nebentisch so ziemlich wie / Dürrenmatt aussah."
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