Hans-Jürgen Heinrichs

Fremdheit

Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart
Cover: Fremdheit
Antje Kunstmann Verlag, München 2019
ISBN 9783956142901
Gebunden, 240 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Fremdheit ist universal. Es gibt sie in allen Kulturen, bei allen Menschen. Fremdheit kann verzaubern. Sie kann aber auch als bedrohlich erlebt werden. Heinrichs geht den historischen, ethnologischen und psychoanalytischen Deutungen nach, verbindet Fremdheit mit Erfahrungen und Erlebnissen und konfrontiert uns mit dem politischen Thema unserer Zeit: An welchen Punkten beginnt die Verachtung des Andersseins? Dieses Buch rückt das große Thema der Fremdheit in unsere gedankliche und emotionale Nähe. Es erzählt von der Fremdheit im Erleben der Menschen, die in Not aus anderen Gesellschaften fliehen, und es erzählt davon, wie jeder von uns Fremdheit erleben kann. Auf Reisen und im sozialen wie im privaten Umfeld, wenn wir mit eigenen, uns fremd erscheinenden Gefühlen konfrontiert werden. Was aber geschieht, wenn diejenigen, die gerade selbst noch Fremde in einem anderen Land waren und willkommen geheißen wurden, ihre positive Fremdheitserfahrung aufgeben?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2019

Wo einst von "Fremdheit" gesprochen wurde, werde heute lieber der Begriff "Diversität" genutzt, zu negativ konnotiert sei die "Fremdheit" inzwischen, seufzt Rezensent Karl-Heinz Kohl. Umso dankbarer ist er für diese Abhandlung des Ethnologen und Schriftstellers Hans-Jürgen Heinrichs, der ihn hier auf einen Streifzug durch Ethnopsychoanalyse, Philosophie, Literatur und Gegenwartskunst mitnimmt, um einmal mehr klarzustellen: Das Eigene und das Fremde bedingen sich gegenseitig. Zahlreiche Anekdoten aus Heinrichs eigenen Reiseerfahrungen machen das Buch für Kohl noch lesenswerter - über den "Reiz" der Fremde hätte er allerdings gern mehr gelesen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.06.2019

Dem Ethnologen Hans-Jürgen Heinrichs, geprägt durch den Diskurs der 68er, tritt mit diesem Buch ein für einen Perspektivenwechsel, erklärt Ronald Düker. Der Rezensent zitiert zunächst Anekdoten von Heinrichs' eigenen Fehltritten in Teheran und Mali bei der Begegnung mit fremden Kulturen, um dann "wehmütig" auf dessen noch ganz unbelastetes Vokabular zu blicken. Da sei von "Leichtigkeit, Freundschaft, Verführung" die Rede, wo heute immer "frostiger" gesprochen werde. Besonders, wo die Erfahrung der Fremdheit von und mit Migranten verhandelt werde, sei Neugier und Annäherung abstrakten Begrifflichkeiten, Vorbehalten und Gefühlen der Existenzbedrohung gewichen - für Heinrichs ein "pathologischer Befund". Die Einsicht, dass der Fremde "Alter Ego" unserer selbst sei, fehle ebenfalls. Düker empfindet Heinrichs Essay, der durchaus Konfrontation mit und nicht Leugnung von Unterschieden empfiehlt, als "ebenso aktuell wie aus der Zeit gefallen".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 18.03.2019

Warum eigentlich ist das Fremde so negativ konnotiert, fragt sich Marko Martin und bekommt Antwort in Form von Hans-Jürgen Heinrichs Essay "Fremdheit". Der Autor, dem Rezensenten vor allem durch seine ehrfurchtgebietenden Essays in der Zeitschrift "Lettre" bekannt, bringt für dieses Thema Belesenheit mit Weltläufigkeit in Einklang, indem er sowohl Rekurse auf Albert Camus und Sigmund Freud, auf Bruce Chatwin, Hubert Fichte und Ilija Trojanow als auch eigene Reiseerfahrungen mit einbringt, fasst der Rezensent zusammen. Dass negative Gefühle gegenüber nahestehenden, ähnlichen Menschen oft viel stärker sind als gegenüber fremden, lernt Martin hier, oder wie sich Gesellschaften ohne die westliche Praxis der Introspektion mit Fremdheit auseinandersetzen, in Form von rituellen Maskentänzen etwa. Dass der Autor das alles ohne "politisch korrekten, mahnend salbadernden Ton" vorträgt, macht den Band für den Rezensenten zu einem inspirierenden Quell der Erkenntnis, auch wenn er sich hier und da noch weitere Ausführungen gewünscht hätte, zum Thema Antisemitismus und Flüchtlinge etwa oder dem progressiven Trend der Diversity.