Hans-Dieter Zimmermann

Martin und Fritz Heidegger

Philosophie und Fastnacht
Cover: Martin und Fritz Heidegger
C. H. Beck Verlag, München 2005
ISBN 9783406528811
Gebunden, 172 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Wer Martin Heidegger verstehen will, sollte den Bruder kennen. In ihm ist die Provinz von Meßkirch verkörpert, die freilich überraschend weltläufig war. Während Martin - von der Kirche gefördert - aufs Gymnasium ging und später studierte, musste der nicht weniger begabte Fritz die Schule aufgrund eines Sprachfehlers verlassen. Die erhoffte Predigerkarriere blieb ihm verschlossen, er wurde Bankbeamter in Meßkirch, und statt zu predigen hielt er seine berühmten und gefürchteten Fastnachtsreden in der Tradition seines Landsmannes Abraham a Sancta Clara. Das Verhältnis der Brüder war eng. Dem Bruder Fritz vertraute Martin seine Manuskripte an, und Fritz rettete sie über den Krieg, schrieb sie ab, korrigierte sie und gab Anregungen. Er eignete sich zudem im Selbststudium ein ungewöhnlich breites Wissen an und hinterließ bemerkenswerte eigene Texte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.08.2005

Nur teilweise gelungen findet Rezensent Sonja Asal dieses Doppelporträt der Brüder Fritz und Martin Heidegger, das Hans Dieter Zimmermann vorglegt hat. Wie sie berichtet, ergänzt die Darstellung des Berliner Germanisten bereits Bekanntes um Material aus dem Nachlass Fritz Heideggers. Auch unabhängig vom berühmten Philosophen-Bruder, für den er Lauf der Jahre "Tausende Seiten ins Reine tippte", scheint Asal der Lebenslauf von Fritz, einem Meßkircher Original von lokaler Berühmtheit, interessant. Anders als dem raunenden Fundamentalontologen attestiert ihm "politischen Mut" während der Nazi-Zeit. Wie Zimmermann diesen Gegensatz zwischen dem politisch irrenden Philosophen und seinem im Angesicht des Nationalsozialismus außergewöhnlich mutigen und urteilssicheren Bruders darstellt, findet Asal "problematisch". Für sie hört es sich so an, als hätte sich Heidegger, wäre er nur immer schön in der Provinz geblieben, manchen Irrtum erspart. Das findet Asal dann doch etwas bieder gedacht. Und noch einen Kritikpunkt gibt es: Während die Rezensentin Zimmermanns Buch für "informiert" erachtet, wenn es um den engeren biografischen Zusammenhang geht, tadelt sie es als "fehlerhaft", sobald es davon abweiche. Heidegger-Schüler Hans Jonas etwa habe sich nicht erst in den fünfziger Jahren mit Hannah Arendt angefreundet, sondern schon dreißig Jahre früher während der gemeinsamen Marburger Studienzeit, weiß die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.02.2005

Ein Buch nicht nur über Heidegger, sondern auch über seinen Bruder. Wobei man nach der Lektüre fast schon fragen darf, so der Rezensent Uwe Justus Wenzel, wer denn nun Heidegger ist und wer sein Bruder. Fritz nämlich ist im Heimatort Messkirch durchaus eine Berühmtheit, vor allem als geistreicher Fastnachtsredner. Und die Sympathien des Biografen hat er auch, seines "Humors" und seiner "gelassenen Lebensklugheit" wegen - dass er sich nebenbei auch schriftstellerisch betätigte, erfährt man zudem. Im Porträt des Philosophen dann findet der Rezensent die Perspektive ungewöhnlich, dass es gerade die "Abkehr von Lebens- und Denkweisen" der heimatlichen Provinz gewesen sein soll, die Martin Heidegger empfänglich gemacht habe für die als seinsgeschichtlich missverstandenen Verführungen der Macht. Ein explizites Urteil gibt es nicht, aber anregend scheint Wenzel den Band allemal gefunden zu haben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2005

Dieses Buch des Berliner Literaturwissenschaftlers Hans Dieter Zimmermann ist eine Verlegenheitslösung, aber eine gute, behauptet Jürgen Busche. Und ein gutes Heimatbuch dazu. Eigentlich steht natürlich der Philosoph Martin Heidegger im Mittelpunkt des Interesses, erklärt Busche die Verlegenheit des Autors, seinetwegen interessiere sich die Welt für den kleinen Ort Meßkirch, das Städtchen in Süddeutschland, aus dem Martin Heidegger und sein einziger Bruder Fritz stammten. Als heimlicher Held des Büchleins entpuppt sich allerdings für Busche der Bruder, ein Bankangestellter, Fastnachtsredner und auch sonst ein "Original". Fritz Heidegger war dem Ort mehr verbunden, darum ist in dem Buch auch mehr von ihm die Rede, bringt es Busche auf den Punkt. Aber Zimmermann leistet mehr: eine Orts- und Familiengeschichte, die - auf angenehm sachliche Weise, meint Busche - die politischen Verfehlungen Heideggers zur Sprache kommen lässt. Auch über die Beziehung Martin Heideggers zu Hannah Arendt werde diskret berichtet; Busche fast ein wenig zu diskret, der sich mehr Aufschluss über die zahlreichen Briefe von Heideggers Verehrerinnen versprochen hatte. Hatte er sie beim Bruder vermutet?
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