György Dalos

Ungarn in der Nussschale

Geschichte meines Landes
Cover: Ungarn in der Nussschale
C. H. Beck Verlag, München 2004
ISBN 9783406510328
Gebunden, 195 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Wie sagt ein ungarisches Sprichwort: "Außerhalb von Ungarn gibt es kein Leben; und wenn, dann ist es nicht dasselbe." Was prägte die Ungarn? Was waren die zentralen historischen Erfahrungen der Bewohner eines Landes, das immer wieder erobert, zerstückelt, beherrscht und fremden Zielen unterworfen wurde? Ursprünglich sind die Ungarn ein aus Asien stammendes Nomadenvolk. Am Ende des 1. Jahrtausends christianisiert und unter Stephan dem Heiligen den Anschluss an die westeuropäische Kultur suchend, führten die Ungarn über Jahrhunderte hinweg einen Abwehrkampf gegen Mongolen, Türken und schließlich auch gegen die Habsburger, die die Ungarn erst 1918 in die Unabhängigkeit entließen. Heute steht das Land vor dem Beitritt in die EU 2004 und unterhält auch intensive Beziehungen zu Deutschland. Der Schriftsteller György Dalos fängt in seinem prägnanten Überblick über die mehr als 1000jährige Geschichte Ungarns die Essenz des ungarischen Lebens ein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2005

Recht angetan zeigt sich Rezensent Martin Halter von dieser "kollektiven Biografie" Ungarns, die György Dalos in "knappen Skizzen und launigen Anekdoten" erzählt. Dalos rühme das "Ungarn im Konjunktiv", die unausgeschöpften Möglichkeiten seiner Geschichte; aber er sei auch Realist genug, "um Ungarn im Indikativ zu betrachten und im europäischen Kontext zu situieren." Er mache etwa dem Westen keinen Vorwurf, dass er beim Budapester Aufstand den Frieden im Kalten Krieg nicht aufs Spiel setzen mochte. Zudem verweise er darauf, dass die fremden Eroberer oft sogar humaner als die Befreier waren: So lebte Ungarn unter türkischer Herrschaft kommod, blühte auf unter den Habsburgern und war selbst unter der kommunistischen Diktatur die "lustigste Baracke im sozialistischen Lager". Halter hebt hervor, dass Dalos "gelassen", ja "fast heiter" den Tragödien Ungarns immer wieder hellere Seiten abgewinne. Er halte stets die Balance zwischen der "nüchternen Distanz des Historikers" und der "leidenschaftlichen Nähe des Patrioten", zwischen Stolz und Trauer, leiser Ironie und der eher trockenen Rekapitulation von dynastischen Wirren und Kriegen. Als Dalos' größten Wunsch nennt Halter, seine Landsleute mögen ihr lang gehätscheltes "tragisches Pathos" endlich mit einer "ruhigen, ironischen Skepsis" vertauschen. "Mit seinem Geschichtsbüchlein", schließt der Rezensent, "hat er das Seine dafür getan".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.04.2004

Auf Ungarisch heißt erklären "magyarazni", also "ungarisch machen", hat die Rezensentin Sabine Vogel bei György Dalos erfahren. Und darin liege auch Dalos' Absicht in diesem Buch, nämlich dem deutschsprachigen Leser sein Heimatland Ungarn "ungarisch zu machen", zu erklären. Genau dies gelingt ihm aber in den Augen der Rezensentin nicht, denn seine "kühn" knappe Ungarngeschichte liest sich wie eine "leichte Plauderei zwischen Menschen, denen die Details vertraut sind". Der Leser begegne "hingeworfenen Stichworten und Zitaten, Perspektivenwechsel von inneren zu äußeren Entwicklungen, Zeitsprüngen von damals nach heute", vermisse Daten und Karten der sich oft verschiebenden ungarischen Grenzen, kurz: "Anhaltspunkte". Dadurch bleiben die historischen Akteure "konturlos" (während die Akteurinnen durch Abwesenheit glänzen), und die Ereignisabfolge nicht nachvollziehbar. Schade, meint die Rezensentin, denn die Passagen, die sich auf den im Titel des Buches angesprochenen Aspekt (das treibende Schicksal der ungarischen Nussschale) beziehen und in denen Dalos "Ungarn als kleines Land zwischen Großmächten behandelt" seien außerordentlich spannend. Hier werde plastisch, dass Ungarn oft vergeblich auf Hilfe von außen gewartet habe, etwa im neuzeitlichen Kampf gegen die Türken oder auch beim Aufstand von 1956; dass es oft nichts als "Wechselgeld im Kuhhandel der Großmächte" gewesen sei. Eine "stärkere Fokussierung" auf diesen Aspekt, glaubt die Rezensentin, hätte den historischen Gesamtzusammenhang "verständlicher" gemacht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2004

Auf nur 190 Seiten "die lange Geschichte Ungarns" darzustellen, das kann eigentlich nicht angehen, meint Rezensent Andreas Dorschel. Aber nur eigentlich, denn György Dalos' schmales Buch hat ihn vom Gegenteil überzeugt. Seine "Dichte" macht nicht etwa die Kürze wett, schwärmt der Rezensent, sie erhebt sie zur "Tugend". Dazu komme, dass Dalos die Geschichte ja auch "schmerzhaft an sich selbst erfahren" habe, und Schmerz, schreibt der Rezensent, "macht aufmerksam". Besonderes Augenmerk richte Dalos auf "die Rolle der Gewalt in der Geschichte", und nachdem er "souverän" die Epoche der osmanischen Herrschaft umrissen habe, ohne sich irgendeiner "Dämonisierung" oder "Verklärung" hinzugeben, bringe er "geschickt und unprätentiös" Zusammenhänge und sowie Machtstrukturen der jüngeren Zeit zutage. Fast schon erschreckend erscheint dem Rezensenten angesichts der geschilderten Machenschaften, der ungarische "Sinn für Tragikomik", der immer wieder aufblitzt. Jeder Satz, so Dorschels beeindrucktes Fazit, besitzt einen derart "urbanen Zug", dass man nur den Hut ziehen könne vor soviel weiser "intellektueller Konsequenz".
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