Es ist eine Ehe mit komplizierter Konstellation: Susanne ist reich ("das Vermögen ihrer vergasten Eltern war enorm und sie die einzige Erbin" ), ihr Mann Andreas ist ein mittelloser deutscher Schriftsteller ohne Werk. Sie leben im Land der Mörder ihrer Eltern, weil sie meint, ein deutscher Dichter müsse in deutscher Umgebung leben. Noch komplizierter ist, wie sie sich kennenlernten: in Amsterdam, im Jahr 1941. Damals wird Andreas als Berichterstatter einer Münchner Zeitung ins besetzte Holland geschickt. In der Beethovenstraat in Amsterdam lebt er zur Untermiete und wird vom Fenster aus Zeuge, wie Nacht für Nacht Juden in Sonderzügen der Tram abtransportiert werden. Er versucht zaghaft zu helfen, verstrickt sich mehr und mehr in jüdische Schicksale - und kann doch nichts verhindern. Susanne lebt als verfolgte Jüdin in Amsterdam - und konnte nur überleben, weil auch sie sich in Schuld verstrickte. Grete Weils "Tramhalte Beethovenstraat" war der erste deutschsprachige Roman einer Überlebenden über Exil, Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.05.2021
Rezensent Burkhard Müller ist dem Verlag dankbar für die Wiederentdeckung des Romans der Fotografin Grete Weil. Wie die Autorin eigene Erinnerungen an Amsterdam während der deutschen Besatzung mit der Geschichte eines jungen Schriftstellers zwischen Pflicht (der Arbeit für die reichsdeutsche Presse) und Kür verbindet, der mit Schrecken die Judendeportationen beobachtet, scheint Müller lesenswert vor allem, da Weil die Balance zwischen Dokument und Fiktion im Buch gelingt. Der träumerisch existenzialistische Ton des erstmals 1963 erschienenen Romans erinnert Müller an Koeppen. Keine hohe Literatur, meint er, aber wahre.
Für Rezensent Paul Stoop liegt der Reiz von Grete Weils Roman von 1963 in der psychologisch genauen Schilderung der Figuren und der intimen Kenntnis der Situation im Amsterdam der dreißiger Jahre. Von ihrem Protagonisten, einem deutschen Schriftsteller, der sich im Widerstand engagiert, von den Deportationen und Pogromen, erzählt Weil laut Stoop weniger direkt als durch das Handeln und Empfinden der Figuren. Der Widerstand wird nicht als etwas Heroisches gezeigt, aber das Grauen ist nicht weniger beklemmend, findet Stoop. Für ihn ist das Buch eine Wiederentdeckung.
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