Herausgegeben und kommentiert von Marguerite Valerie Schlüter und Holger Hof. Mit der vollständigen Korrespondenz auf CD-ROM. "Erst sind alle fasziniert oder tun wenigstens so und nach drei Monaten bekommen sie alle kalte Füße", schrieb Benn nach dem Krieg an F. W. Oelze. Etwa zehn Verlage hatten bis dahin den Versuch unternommen, mit dem im 'Dritten Reich' verfemten Dichter ins Geschäft zu kommen. Obwohl er "gar nicht so versessen darauf war, wieder in der Öffentlichkeit zu erscheinen", entschloss sich Benn dann doch, seine unveröffentlichten Arbeiten dem Wiesbadener Verleger Max Niedermayer anzuvertrauen. Es war eine lange, vertrauensvolle Zusammenarbeit, die hier dokumentiert ist. Ein Dialog, der im literarischen Betrieb Nachkriegsdeutschlands an Umfang und Intensität seinesgleichen sucht. Literarischer Klatsch, vertrauliche Mitteilungen und bisher unbekannte Einzelheiten über den Entstehungsprozess der Werke Benns sind hier abgedruckt. Dieser Band (mit beigelegter CD-ROM) ist auch ein einzigartig lückenloses Zeugnis für Benns Versuch, sein Comeback zu inszenieren. Brief für Brief wird hier dem Leser die Differenz zwischen dem sich als Einsamen stilisierenden in Kunstdingen unerbittlichen Autor und dem kooperativen Verlagsmitstreiter deutlich.
"Will man das wirklich alles lesen?" stöhnt Rezensent Stephan Speicher angesichts dieses 1245-Seiten-Konvoluts mit CD-Rom, das selbst Benns freundliche Fragen zum Privatleben der ihn betreuenden Lektorin einschließt. Schließlich will er aber doch. Denn Gottfried Benn ist aus seiner Sicht ein "Klassiker, der sticht", keiner, der "edelmatt vor sich hindämmert" wie Stefan George, was auch seinen Briefwechseln grundsätzliches Interesse sichere. Auch werfe Gottfried Benns Korrespondenz mit seinem Verlag bei aller Redundanz doch manches Licht auf den Autor. Wie sich beispielsweise der Dichter, der "den literarischen Betrieb immer verachtet hatte" nach dem Krieg plötzlich an "der Lampe des öffentlichen Interesses" wärmt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.06.2006
Zeichen menschlicher Anteilnahme liest Rezensent Gustav Seibt aus dem Briefwechsel des kalten Fischs Gottfried Benn mit seinem jungen Verleger Max Niedermayer heraus. Sogar von "väterlichen Gefühlen" ist die Rede, die aus Sicht des Rezensenten durchaus ein positives Licht auf den Benn der Nachkriegszeit werfen. Überhaupt käme dieser unverhofft sympathisch daher, weil gegenüber dem jungen und auch respektierten Niedermayer keine seiner Selbstinszenierungen nötig war. Und dieser gelassene Gottfried Benn, erfreut sich der Rezensent, der gewissermaßen auf dem Berliner Kanapee mal melancholische, mal wohlgesonnene Briefe schreibe, sei doch schlussendlich der "beste" Benn.
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