Gary Shteyngart

Super Sad True Love Story

Roman
Cover: Super Sad True Love Story
Rowohlt Verlag, Reinbek 2011
ISBN 9783498064143
Gebunden, 464 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke. Lenny Abramov träumt vom ewigen Leben, von seinen Büchern und, vor allem, von Eunice Park, einer viel jüngeren koreanischstämmigen Amerikanerin, die Gift für ihn ist: sexuell erfahren, gewitzt, abgebrüht. Doch gewisse Umstände (ihre nervigen Eltern, sein weiches Herz und der allgemeine Zustand Amerikas) ermöglichen das Unwahrscheinliche: eine superaltmodische, superromantische und supertraurige Liebesgeschichte, ziemlich frei nach Tschechow und Tolstoi. Denn die Liebenden leben in einem zunehmend bedrohlichen und bedrohten Land: Technologisch hochgerüstet (jeder Mensch hat seinen "Äppärät", der neben Sozialversicherungsnummmer und Kontostand auch Herzfrequenz und unmoralische Gedanken aufzeichnet), auf ewig verschuldet bei den Chinesen, kontrolliert vom Großen Bruder (der in Gestalt eines Zeichentrick-Otters mit Cowboyhut aus allen Medien gute Ratschläge gibt) und zerfressen von Oberflächlichkeit, stehen die USA vor einem Bürgerkrieg.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.09.2011

Mit Schrecken sieht Ilija Trojanow in Gary Shteyngarts drittem Roman eine Welt der totalen Überwachung und menschlichen Verflachung entworfen, die doch, wie er glaubt, nur ein Steinwurf von der gesellschaftlichen Realität entfernt ist. Der Autor, mit sieben Jahren aus Russland in die USA geflohen, beschreibt dort, wie sich der unangepasste russischstämmige Lenny und die schöne Koreanerin Eunice verlieben. Der Rezensent muss gestehen, dass es ihm schwer fällt, für die unentwegt chattende und twitternde Protagonistin, die wie die anderen Figuren mit Ausnahme Lennys sehr "zweidimensional" angelegt ist, wirklich Interesse aufzubringen. Dafür verfolgt er umso faszinierter und schaudernd die gesellschaftlichen, politischen und technologischen Fantasien des Autors, die für ihn erschreckend nah an der Realität sind. Vielleicht müsste Shteyngart nicht jeden Einfall festhalten und manche satirische Übertreibung ist dann doch etwas "plump", findet Trojanow. Dennoch hat den Rezensenten diese "Antiutopie" nicht kalt gelassen, und er lobt den Roman als Shteyngarts bislang "ernsthaftestes Werk".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.08.2011

Nicht erwärmen kann sich Christopher Schmidt für Gary Shteyngarts satirischen Roman über den Untergang des amerikanischen Imperiums. Nicht nur, weil ihm das in einem ebenso schicken wie kalten Amerika der nahen hyperkapitalistischen Zukunft angesiedelte Werk "hoffnungslos verquasselt" scheint. Er hat auch das Gefühl, die Love-Story zwischen dem trottelig-romantischen, echte Bücher (Tolstoi) lesenden Lenny und der abgebrühten, digital aufgerüsteten Eunice diene nur dazu, einen vermieften Kulturpessimismus "lesefreundlich" zu verpacken. Sicher, "Super Sad True Love Story" bietet eine Menge unterhaltsamer Details, wenn es um die Schilderung von Konsumismus, Exibitionismus und Schönheitswahn geht, das will Schmidt nicht leugnen. Allerdings verbirgt sich hinter dem Spott seines Erachtens "klebrige Sentimentalität". Letztlich wirft er Shteyngart vor, sein Buch sei genauso "clean, smart und kalt kalkuliert" wie das, was es kritisiere.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.08.2011

Alexander Müller hat diese Science-Fiktion-Satire überhaupt nicht vom Hocker gerissen, und er findet das Ganze reichlich abgeschmackt und fade, daran lässt er keinen Zweifel. Ein abgewirtschaftetes, totalitär regiertes Amerika bildet den Schauplatz einer unwahrscheinlichen Liebesbeziehung zwischen dem 39-jährigen russischstämmigen Lenny, Mitarbeiter der Abteilung "Posthumane Dienstleistungen" und der aus einer koreanischen Einwandererfamilie stammenden 15-jährigen Eunice, erfahren wir. Zunächst hat der Rezensent durchaus Spaß an der Diskrepanz der Bemerkungen des in sein Tagebuch kritzelnden Lenny und der auf ihrem "GlobalTeens-Account" bloggenden Eunice, doch der Effekt nutzt sich in seinen Augen bald ab, zumal die Figuren blass bleiben und insbesondere die Hauptfigur überhaupt keine innere Entwicklung durchmacht, wie Müller sich beschwert. Insgesamt haben die kulturpessimistischen Betrachtungen von Gary Shteyngart, der als Siebenjähriger aus St. Petersburg mit seiner Familie nach Amerika kam, etwas unglaublich Verstaubtes und Moralinsaures an sich, das ihm komplett "kalt gelassen" hat, wie er ohne Umschweife bekennt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.07.2011

Ausführlich und auf der ersten Literaturseite sehr prominent bespricht Ijoma Mangold den neuen Roman von Gary Shteyngart, so dass man sich doch wundert, wie schlecht er ihn letztendlich findet. Nämlich "leider sehr schlecht". Die "Super Sad True Love Story" sei eines ins Alberne gehkehrte alleroberflächlichste Zeitdiagnostik, die USA sind heillos überschuldet und in den chinesischen Klammergriff geraten, gegen Venezuela führen sie Krieg und verbarrikadieren sich zusammen mit Israel gegen den Islamofaschismus. Fantasie sei etwas anderes, findet Mangold, der auch der Liebesgeschichte nicht viel abgewinnen kann. Ärgerlich findet er auch, dass Shteyngart die Flachheit seiner Figuren dem Setting zuschreibt, wo es ihm doch einfach an der Fähigkeit mangele, sie mit Tiefe auszustatten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.07.2011

Über weite Strecke hat sich Katharina Granzin recht leidlich mit Gary Shteyngarts neuem Roman unterhalten, am Ende aber hat er ihr recht bildlich den Unterschied zwischen "effektvoll" und "eindrucksvoll" vor Augen geführt. Shteyngart verfeuert ordentlich Munition in dieser Endzeitvision, die nicht unbedingt in der Zukunft angesiedelt ist. Man muss sich die hier gezeichnete Gesellschaft als konsequente Weiterführung der unsrigen denken, setzt die Rezensentin uns ins Bild: alle persönliche Daten seien offen zugänglich, von der Bonität bis zum Fickfaktor, alle Bedürfnisse der Menschen konzentrieren sich auf das Supergadget, den Äppärät. Dazu kommt eine Liebesgeschichte, deren Niedergang mit dem der Zivilisation ungefähr parallel verlaufe. Nein, vom Hocker gerissen hat Granzin das nicht, und den Apokalyptiker nimmt sie Shteyngart schon gar nicht ab: "Einer, der so genießerisch über Essen und Sex schreibt, kann keine ernsthaften Existenzprobleme haben."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.07.2011

Das "Buch zur gegenwärtigen Krise des US-Imperiums" nennt Frank Schäfer diese wilde Untergangsfantasie von Gary Shteyngart. Angesiedelt in einem hyperkapitalistischen, aber dennoch abgewirtschafteten Amerika der Zukunft, in dem die Menschen zu emotional, moralisch und intellektuell verkümmerten Marionetten des Konsums degeneriert sind, erzählt "Super Sad True Love Story" eine fast undenkbar tragische Liebesgeschichte, die Schäfer an Tschechow und Tolstoi erinnert. Dem Autor gelingt es seines Erachtens, die sozialen Milieus und Verhaltensweisen in dieser gar nicht so fern scheinenden Realität plastisch zu beschreiben. Beeindruckt hat ihn, wie Shteyngart bei allen satirischen Zügen und aberwitzigen Momenten dennoch Empathie für seine Figuren schafft. Literarisch gekonnt findet Schäfer zudem die zahlreichen Bezüge und Verweise zu literarischen Untergangsfantasien wie "Brave New World", "1984", "Fahrenheit 451" und "Clockwork Orange".
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