Gabriele Riedle

Überflüssige Menschen

Roman
Cover: Überflüssige Menschen
Die Andere Bibliothek/Eichborn, Berlin 2012
ISBN 9783847703273
Gebunden, 250 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

In einem ganz ungewöhnlichen Sound berichtet "Überflüssige Menschen" von den privaten und politischen Hoffnungen eines ganzen Jahrhunderts. Erzählerin ist Natalie, eine aus dem Schwäbischen stammende Berliner Russisch-Übersetzerin, die mit der Neuübertragung von Tschechows Drama "Drei Schwestern" beauftragt ist. Es geht um verlorene Traditionen und um korrumpierte Utopien. Um Erinnerungen an Vorfahren, zu denen die Verbindungen abgerissen sind. Um die vermeintliche Errettung so vieler Kleinbürgerkinder durch Bildung in den 1970er Jahren. Um sozialen Aufstieg. Und schließlich um die Verlorenheit einer ganzen Generation, deren Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts schon wieder vorüber ist: Überflüssige Menschen - wie die Lost Generation bei Tschechow.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2012

Gabriele Riedles neues Buch "Überflüssige Menschen" hat Rezensent Christian Metz nicht überzeugt. Er liest hier die Geschichte der fünfundfünfzigjährigen Nathalie, die als "Wiedergängerin des heiligen Hieronymus" versunken an ihrem Schreibtisch sitzt und verzweifelt versucht, Tschechows Drama "Drei Schwestern" ins Deutsche zu übersetzen. Der Kritiker folgt der Protagonistin, die sich nach ersten Übersetzungsproblemen immer weiter in Selbstreflexionen und Erinnerungen an die schwäbische Kindheit und Jugend verliert und dabei zunehmend der Melancholie verfällt. Leider muss Metz bald feststellen, dass der handlungslose Roman, der sich in der deutschen Tradition des melancholischen Erzählens wähnt, durch den allzu gewollten Tiefsinnsanspruch der Autorin zu einer "Suada voller Klischees" über den Nachkriegsmuff der Eltern, eine Jugendliebe in den fünfziger Jahren und ein bisschen Koketterie mit der RAF verkommt. Auch Riedles manieristischer Sprache kann der enttäuschte Kritiker nicht viel abgewinnen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.06.2012

Angelehnt an die Stagnation und schmerzliche Sinnlosigkeit im Leben von Tschechows Figuren erzählt Gabriele Riedle in "Überflüssige Menschen" die Geschichte der Übersetzerin Natalie, wie Steffen Martus berichtet. Sie erhält aus Ulm den Auftrag, Tschechows "Drei Schwestern" zu übersetzen, und sieht sich in dieser Arbeit mit ihrer Vergangenheit in der schwäbischen Provinz konfrontiert, vor der sie vor Jahren nach Berlin geflohen ist - eine raffinierte Umkehrung der Tschechowschen Verhältnisse, wo die drei Schwestern in der Provinz ihrer Kindheit in der Moskauer Metropole nachhängen, wie der Rezensent feststellt. In Ihrem assoziativen Bewusstseinsstrom sinniere Natalie über das gesellschaftliche Klima der siebziger Jahre und den Umgang der 68er mit ihren Eltern, schweift aber auch zu allgemeinen Überlegungen über Veränderungen der Arbeitsgesellschaft oder die moderne Körperkultur ab. Riedle habe aber keinen "Thesenroman" geschrieben, wie der Rezensent betont, sondern überlasse sich dem "lyrischen Strom von Gedankenketten". Auf jeden Fall, so Martus, gebühre "Überflüssige Menschen" der Preis für den besten Romantitel des Jahres.
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