Franz-Maria Sonner

Werktätiger sucht üppige Partnerin

Die Szene der 70er Jahre in ihren Kleinanzeigen
Cover: Werktätiger sucht üppige Partnerin
Antje Kunstmann Verlag, München 2005
ISBN 9783888973932
Gebunden, 160 Seiten, 9,90 EUR

Klappentext

Anders leben, jetzt, nicht irgendwann! Der große Aufbruch in den 70er Jahren lässt sich nirgends besser nachlesen als in den Kleinanzeigen von damals: ungespritzte Äpfel, Therapiegruppen, Grüße, Kritik, Gibson Les Paul, Kontakte - hier stellt sich die Szene selbst dar, und zwar auf kleinstem Raum. Diese Kleinanzeigen erzählen großartige Geschichten aus dem ganz normalen Leben und haben eine umwerfende Komik. Damals war natürlich alles ernst gemeint: "Mich würde interessieren, was aus der Hodenwärmer-Clique geworden ist. Wahrscheinlich ist bei der Aktion ja gar nichts rausgekommen. Und warum? Weil Männer immer so theoretisch, abstrakt und wissenschaftlich usw. denken (wollen)." Ja, was ist bloß aus der Hodenwärmer-Clique geworden? Was aus der Männergruppe, die "Frauen zum nachts Nacktbaden" gesucht hat? Fragen, die leider offen bleiben müssen. Aber wunderbar kommentiert werden durch Gerhard Seyfrieds Zeichnungen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2005

Gut amüsiert hat sich Rezensent Burkhard Strassmann bei der Lektüre von Franz-Maria Sonners Buch "Werktätiger sucht üppige Partnerin", das die siebziger Jahre auf eine etwas andere Weise spiegelt - in Hunderten von Kleinanzeigen aus der zwischen 1973 und 1984 erschienenen Szenepostille "Blatt", dem Vorbild vieler "Stadtzeitungen". Den Anzeigenteil des Zweiwochenblatts beschreibt Strassmann als "eine Art Börse" für die undogmatische Linke Münchens, als "Marktplatz der Ratlosigkeit", "Selbstverständigungsmedium in wirren Zeiten" und Kontakthof:  Bleikristallkugeln werden da gesucht, Schwarzfahrer-Versicherungen, Kefir-Pilze oder Hodenwärmer angeboten, Orgien und Orgasmusschulungen erfragt. Sonners Einschätzung, die komische Wirkung dieser Kleinanzeigen habe mit der historische Verfremdung zu tun, die Entfernung vom damaligen Lebensstil führe zum "Schillern der Haltungen und Gesten", findet dabei durchaus Strassmanns Zustimmung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.03.2005

Franz-Maria Sonners Anthologie von Kleinanzeigen, die in den siebziger Jahren in dem Münchner Stadtmagazin "Blatt" erschienen sind, bestätigt für Iloma Mangold einmal mehr, "dass die siebziger Jahre ein besonders widerliches, verächtliches und abstoßendes Jahrzehnt" waren. Dabei scheint ihm Idee des Buches durchaus plausibel, zumal er in der Kleinanzeige das "ideale Genre für eine alltagsnahe Sozialgeschichte" sieht. Neben "Problembewusstsein" nennt Mangold den "Frust" als Schlüsselbegriff der Anzeigen. Fast jeder spreche in scheinbar authentischer Selbstentblößung davon, wie "gefrustet" er sei. Das Eingeständnis, dass man "psychisch angeknackst" sei, kommt Mangold vor wie das Entrebillet, "alle weiteren Bedürfnisse in größter Krudheit vorzubringen." Etwa nach einem "guten Weib" zu rufen, um "mit ihm zu fressen, saufen, bumsen". Zu Mangolds Bedauern ist das Buch "rein affirmativ" - besonders durch die "schrecklichen Zeichnungen" von Gerhard Seyfried aus jener Zeit. Die Rede vom "großen Aufbruch in kleinen Anzeigen" auf dem Buchrücken empfindet er als "reinen Hohn". "Dass die andere Seite dieser infantilen Bedürfnisbefriedigungsregression der RAF-Terrorismus war", resümiert der Rezensent, "kann man aus jeder dieser Kleinanzeigen herauslesen."
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