Im ausgehenden 19. Jahrhundert traten in ganz Westeuropa zahllose spektakuläre Skandale auf. Es kam zu Enthüllungen über Korruption, Ehebrüche und koloniale Gewalt, die zu politischen Krisen und grenzübergreifender Empörung führten. Frank Bösch untersucht diese politischen Skandale erstmalig systematisch, international vergleichend und anhand von umfassenden Archivquellen. Er analysiert Verlauf und Wirkungen der Skandale und fragt, inwieweit sie die politische Kommunikation, Machtstrukturen und kulturellen Normen beeinflussten. Zudem zeigt die Studie, wie sich in Deutschland und Großbritannien das Verhältnis von Politik, Medien und Öffentlichkeit veränderte und verdeutlicht die Interaktionen und Annäherungen zwischen den beiden Ländern.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2009
Dass diese Studie von Frank Bösch auf der Welle einer kulturhistorischen Öffnung der Politikgeschichte reitet, kann Martin Baumeister nur als Gewinn verbuchen. Schließlich stellt der Autor systematische Fragen weit über den Tellerrand der Skandalforschung hinaus, erörtert die Folgen von Skandalen und ihre Rolle als Indikator für Konflikte im deutsch-britischen Vergleich für den Zeitraum des Vierteljahrhunderts vor dem Ersten Weltkrieg. Das Potential einer solchen Vorgehensweise ist laut Bösch beträchtlich. Über die Begriffsbestimmung hinaus eröffnet die Lektüre ihm anhand von ausgewählten Fällen die "klassische Skandaltrias von Sex, Geld und Macht" und unterscheidet Spielarten des Skandalösen (Homosexualität, Ehebruch, Korruption etc.). Für Bösch ergibt sich daraus ein Raster, das ihm den Wandel gesellschaftlicher und politischer Normen sowie nationale Eigenarten vor Augen führt. Wichtig erscheint ihm der Erweis des politischen Charakters der Skandale. Wenn ihn die Fülle der behandelten Fälle auch ganz schön fordert und er Böschs Zurückhaltung bei der Auswertung visueller Quellen kritisiert, so wird er durch die Verdienste der Studie hinsichtlich einer "neuen Geschichte" des Kaiserreichs doch voll und ganz entschädigt.
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