Er ist einer der schillerndsten Vertreter der Lebensreformbewegung im späten 19. Jahrhundert: Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach predigt seine Heilslehre von Rohkosternährung, Nacktkörperkultur und freier Liebe als viel geschmähter "Kohlrabiapostel" auf Münchens Straßen. Dass er selbst von wiederkehrenden heftigen Magen- und Gliederschmerzen geplagt wird, schwächt weder seine Überzeugung noch seine Ablehnung der konventionellen Medizin. Zu gesundheitlichen gesellen sich regelmäßig finanzielle Nöte, die der begabte Maler durch Auftragsarbeiten immer wieder knapp abwenden kann. In einem verlassenen Steinbruch in der Nähe von München gründet er in den 1880er Jahren eine Kommune, doch damit beginnen seine Probleme erst richtig …Felix Kucher erzählt von einem, der die Welt radikal verändern will und an seinen eigenen hehren Ansprüchen immer wieder scheitert.
Rezensentin Julia Schröder weiß nicht so recht, wieso Felix Kucher einen Roman über den viel geschmähten Ahnen der Alternativkultur schreiben musste. Die Bezüge zur Gegenwart jedenfalls, die die Figur des Karl Wilhelm Diefenbach bietet, hat Kucher schnell ausgebeutet, meint sie. Was dann kommt, findet sie bestenfalls überflüssig. Problematisch erscheint ihr der ironische Ton der brav chronologisch vorgehenden Darstellung. Der wirkt auf sie nicht nur staubig und ermüdend, sondern auch schief, weil der Autor ironischen Stil mit dem gerechten Bewusstsein vom historischen Abstand zu seinem Gegenstand verwechselt, wie sie findet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2022
Karl Wilhem Diefenbach war Maler, Lebensreformer, Vegetarier, Pazifist und Impfgegner, erinnert Rezensent Martin Lhotzky. Eine Weile geriet er in Vergessenheit, der Schriftsteller Felix Kucher hat ihm jetzt einen Roman gewidmet, der für Lhotzky auch eine mit Anekdoten angereicherte Biografie ist. Allerdings blickt Kucher nur auf die Lebensjahre zwischen 1880 und 1892, fährt der Kritiker fort, der hier von allerhand Verführungen des verheirateten Verfechters der "freien Liebe" oder seinem eigenwilligen Auftreten in München liest. Dass Kucher meist in altmodischem Ton erzählt - und seinen Helden offenbar nicht immer ganz ernst nimmt - stört den Rezensenten nicht allzu sehr. Vergnüglich findet er den Roman trotzdem.
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